Hochgezogene Augenbrauen im "Tatort" aus Luzern

Ansichtssache21. April 2014, 18:07
72 Postings

Als vorurteilsbehafteter Mensch ist man geneigt, die Schweizer für eher bieder zu erachten. Auf das Unreflektierteste bestätigt wird das vom Schweizer "Tatort: Zwischen zwei Welten". Es wird hier zu Tode gestürzt aufgefunden eine dreifache Mutter, und schon die Tatsache, dass am Kinderreichtum gleich drei Männer beteiligt waren, sorgt für hochgezogene Augenbrauen.

foto: orf/ard/daniel winkler

 

Es folgen eine kreuzbrave Handlung und zähe Ermittlungen, in denen man auf allerlei mit dem Holzhammer herausgehauene Stereotype trifft: eine latent brutale, intellektuell eher schwachbrüstige Gruppe Vaterrechtler. Ein spiritueller Heiler, der zum Mordopfer "Kontakt aufnimmt" und ansonsten farblos bis transparent bleibt. Ein in weiße Laken gehüllter Guru, den man in Indien per Skype erreicht und der sich als schlimmer Egozentriker herausstellt und dergleichen mehr.

1
foto: orf/ard/daniel winkler

Kommissar Flückiger beklagt, allein zu sein (was lustig ist, bedenkt man, dass die Schweizer bei ihrer Volksabstimmung unlängst eher das Gegenteil umtrieb). Und Kollegin Liz Ritschard ist lesbisch, was irgendwie eine Art Makel zu sein scheint, über den man besser nicht spricht. Das einzig Gute an diesem "Tatort" kommt gleich zu Anfang, nämlich eine sehr treffende Zustandsbeschreibung moderner Zwischenmenschlichkeit: Die Kommissare sollen die Todesnachricht überbringen, treffen die Kinder jedoch allein an.

 

2
foto: orf/ard/daniel winkler

Unfähig, mit diesen kleinen Menschen zu sprechen, verabschieden sie sich sehr schnell wieder - und rufen draußen die Psychologin an. Die Kinder beobachten sie dabei verstört durchs Fenster. So können Menschen im Umgang miteinander versagen. Und das beileibe nicht nur in der Schweiz. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 22.4.2014)

3
foto: orf/ard/daniel winkler

 

"Sie wollen mal ein Bierli miteinander trinken, die beiden Kommissare", schreibt Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung, "aber es kommt erstmal nicht dazu, weil alles so zäh vorangeht in dieser Episode von Mike Schaerer. Zu viel Esoterik, ein wenig Sozialdrama, viel Geschlechter-Rivalität."

Christian Buß macht sich auf Spiegel Online Sorgen um Kommissar Reto Flückiger: "Immer wieder springt Flückiger von dem Segelboot, auf dem er seine einsamen Nächte verbringt, in den kühlen Vierwaldstättersee. Der Kopf wird dabei nicht klarer, das Herz nicht reiner. Armer Flückiger, der kinder- und bindungslose Kauz braucht endlich ein Leben."

4
foto: orf/ard/daniel winkler

Claudia Schwartz schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung: "Wo die Ermittlungen aber harzig vorangehen, versucht die Regie dem Stillstand zunehmend mit überflüssiger Hektik dramaturgisch entgegenzuwirken (Schauplatzwechsel vom Kommissariat ins Auto, mit quietschenden Reifen zur nächsten Befragung, wieder ins Auto, zurück ins Kommissariat und so weiter)."

Wie hat Ihnen diese Folge gefallen? Top oder Flop? (red, derStandard.at, 21.4.2014)

5
Share if you care.