Falknerei: Leben und Fliegen im Waldviertel

21. April 2014, 16:50
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Jährlich sehen zehntausende die Greifvögel auf der niederösterreichischen Rosenburg. Nun widmet man sich dort mit einer eigenen Ausstellung der Falknerei. Für die gibt es auch im 21. Jahrhundert eine Reihe von Einsatzmöglichkeiten - etwa auf Flughäfen

Rosenburg - In so einem Fitnessstudio trainiert wahrlich nicht jeder. Der Himmel ist strahlend blau, der Blick über das Kamptal atemberaubend. Ringsum ragen die historischen Gemäuer der Rosenburg in die Höhe, und das Publikum klatscht begeistert, während die Athleten ihr Programm abspulen. Zweimal am Tag trainieren die Falkner der Rosenburg mit den dort wohnhaften Greifvögeln: Adler, Geier und Falken zischen bereitwillig über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Nur der Uhu ist ein bisschen behäbig.

Seit vielen Jahren widmet man sich auf der Rosenburg im Waldviertel der (historischen) Falknerei, zehntausende Besucher sehen jährlich die Flugvorführungen. Seit dieser Saison gibt es eine eigene Ausstellung zu dem Thema, die die Geschichte der Falknerei sowie deren moderne Anwendung beleuchtet. Ihren Ursprung hat diese jahrhundertealte Jagdtechnik - die sogenannte Beizjagd - in Zentralasien sowie im arabischen Raum. Es wird vermutet, dass sie mit den Rückkehrern der Kreuzzüge nach Europa kam, wo sie später durch die Jagd mit Gewehren abgelöst wurde. 2010 nahm die Unesco die Falknerei in ihre Liste des immateriellen Weltkulturerbes auf.

Jagd auf Krähen

"In der Renaissance und im Mittelalter war die Falknerei notwendig, um Fleisch auf den Tisch zu bekommen", erzählt Boris Brabatsch, Geschäftsführer der Rosenburg. Wenn heute "gebeizt" werde, dann gehe es oft darum, andere Vögel zu vertreiben. "Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Saatkrähen nicht so schnell auf Felder zurückkehren, wenn sie zuvor von Falken vergrämt wurden", sagt Brabatsch. Vor allem für die biologische Landwirtschaft sei deren Einsatz daher interessant. In Tschechien und der Slowakei, aber auch im steirischen Zeltweg werde die Beizjagd eingesetzt, um Vogelschwärme von Flughäfen zu vertreiben.

Als Berechtigung zur Falknerei genügt in Niederösterreich der ganz normale Jagdschein. Es braucht freilich umfassendes Know-how, um einen Vogel zur richtigen Zeit am richtigen Ort zum Fliegen zu bekommen. Die entsprechende Ausbildung kann man auf der Rosenburg, auf der sechs Falknerinnen und Falkner beschäftigt sind, absolvieren.

Diese kümmern sich auch um den Vogelnachwuchs, der in einer eigenen Brutstation gezüchtet wird. Um das Risiko zu minimieren, "brüten" dort Maschinen, die Menschen fungieren als Geburtshelfer und Ersatzeltern. Brabatsch präsentiert stolz das jüngste Mitglied der Waldviertler Vogelfamilie, einen erst wenige Tage alten Falken. "Wir mussten sein Ei umdrehen, weil er eigentlich auf der falschen Seite herauswollte", erzählt er.

Mittagessen mit der Pinzette

Es ist Essenszeit. Das Küken wartet ungeduldig darauf, dass die Falknerin ihm das Mittagessen mit der Pinzette serviert. Es gibt Hühnerherz, reines Muskelfleisch, denn Fett kann der Baby-Falke noch nicht verdauen. Bald wird er zu seinen Eltern übersiedeln, die die Nahrung für ihren Nachwuchs zwecks leichterer Verdaulichkeit einspeicheln.

Im Brutautomaten befinden sich noch allerhand Eier. Gezüchtet wird auf der Rosenburg allerdings nur für den Eigenbedarf. Dabei wäre der Verkauf von Falken ein einträgliches Geschäft: Im arabischen Raum gelten sie als Statussymbol. Die meisten Tiere sterben dort allerdings binnen weniger Jahre, weil sie das feucht-warme Klima nicht vertragen.

Ein solches Schicksal wird dem frisch geschlüpften Falkenküken erspart bleiben. Etwa zehn Jahre Leben und Fliegen im Waldviertel hat es zu erwarten. Gut möglich, dass es dabei von arabischen Besuchern beäugt wird. "Die sind immer ganz erstaunt", erzählt Brabatsch, "dass bei uns jeder die Tiere und die Vorführungen anschauen kann." Gilt doch die Falknerei in einigen Weltgegenden als besonders elitäres Vergnügen. Ob die Atmosphäre in der Wüste mit der im Kamptal mithalten kann, darf bezweifelt werden. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 22.4.2014)

  • Sie sind bereits Ausstellungsstücke: eine "gebeizte" Ente …
    fotos: lichtstark.com/rosenburg

    Sie sind bereits Ausstellungsstücke: eine "gebeizte" Ente …

  • … und ein Falke mit der individuell angepassten, handgefertigten Haube.
    fotos: lichtstark.com/rosenburg

    … und ein Falke mit der individuell angepassten, handgefertigten Haube.

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