Putin will ein Monte Carlo auf der Krim

21. April 2014, 17:07
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Auf der von Russland annektierten Halbinsel soll eine Glücksspielzone entstehen

 Moskau - Dem Poker um die Krim soll der Poker auf der Krim folgen: Geht es nach dem Plänen Moskaus, soll auf der Halbinsel eine Glücksspielzone entstehen. Präsident Wladimir Putin hat am Montag ein neues Gesetzesprojekt in die russische Duma eingebracht, das auf der Krim die Einrichtung von Kasinos erlauben soll.

Noch herrscht Frühlingsidylle in Sewastopol. An der Uferpromenade hinter dem Lunatscharski-Theater kreischen die Möwen. Von einem Ansturm lärmender Touristen ist hingegen noch nichts zu spüren. Zwar hofft der Premier der Krim Sergej Aksjonow, schon in dieser Saison sieben Millionen Gäste begrüßen zu können. Doch noch gibt es viele Fragezeichen. Über die Zugverbindungen auf die Halbinsel verhandeln Moskau und Kiew noch, die Kapazität der veralteten Flughäfen ist begrenzt. Ja selbst die Sanatorien und Hotels der einstigen "Allunions-Heilstätte" stufte Putin in seiner TV-Fragestunde als "heruntergekommen" ein.

Der Kreml verspricht Milliardeninvestitionen auf der Krim. Unklar ist allerdings noch, wie - besonders unter dem Damoklesschwert internationaler Sanktionen - private Investoren für die Entwicklung des Tourismussektors auf der Halbinsel gewonnen werden sollen. Nun scheint eine Lösung gefunden: Es soll die fünfte Glücksspielzone Russlands eingerichtet werden.

Halblegale Kasinos florieren

Seit im Jahr 1990 das erste Kasino in Moskau eröffnet worden war, florierte die stets am Rande der Legalität operierende Glücksspielindustrie in Russland. Zur Blütezeit wurden Schätzungen nach 5,5 Milliarden Dollar (vier Milliarden Euro) jährlich in den Spielsälen umgesetzt, ehe Putin "Rien ne va plus" sagte: Um die Kasino-Industrie besser kontrollieren zu können, wurde sie Las Vegas gleich in die Wüste verbannt; genauer in vier geplante Glücksspielreservate weitab vom Schuss: "Asow-City" im südrussischen Gebiet Krasnodar, "Jantarnoje" im Gebiet Kaliningrad, "Primorskoje" im Fernen Osten und "Altaiskaja Moneta" in Sibirien.

Lediglich das erste der vier Projekte wurde zumindest ansatzweise realisiert. An allen anderen Standorten wurde nicht einmal ein Kasino gebaut. Die drei Glücksspielstätten in Asow-City haben im vergangenen Jahr laut dem russischen Finanzministerium 254.000 Menschen besucht. Die übrigen Kasinos sind in den Untergrund gegangen. Sie funktionieren dort unter dem Schutz der russischen Behörden weiter, wie ein bis Ende 2011 unter dem Dach der Staatsanwaltschaft florierender, aber schließlich doch aufgeflogener Glücksspielring im Moskauer Umland beweist.

Ob die Schaffung einer eigenen Zone auf der mediterranen Krim erfolgreicher ist und künftig - so wie geplant - womöglich Monte Carlo Konkurrenz machen kann, ist selbst innerhalb der russischen Führung umstritten. Das Finanzministerium sieht in der Initiative jedenfalls keinen Nutzen für die Wirtschaft. Nachdem allerdings Putin nun grünes Licht gegeben hat, wird die Duma das Gesetz trotzdem schnell absegnen - zumal aus dem Budget kein Geld in die Glücksspielzone fließen soll.

Stattdessen könnte der Kreml möglicherweise hohe Beamte für diese patriotische Aufgabe einspannen. Diese dürfen seit kurzem ohnehin kein Kapital mehr im Ausland parken und müssen ihr Vermögen nun irgendwie in Russland anlegen. Schätzungen über die Höhe der nötigen Investitionen gibt es vorerst noch nicht.

Auf der Krim selbst ruft die Perspektive, zum russischen Glücksspielparadies aufzusteigen, keine Euphorie hervor. Viele Menschen befürchten ein Ansteigen der Kriminalität. Die regionale Obrigkeit versucht zu beruhigen. Es werde nicht auf der gesamten Halbinsel Kasinos geben, verspricht etwa Vizepremier Rustam Temirgalijew. Seinen Angaben nach ist nur das Südufer der Krim als möglicher Standort für eine solche Zone im Gespräch. "Es geht um die Vergabe eines etwa 100 Hektar großen Grundstücks direkt am Meeresufer", sagte er.

Temirgalijew hatte sich bereits zu ukrainischen Zeiten der Krim einen Namen als Verfechter einer Glücksspielzone auf der Halbinsel gemacht. Allem Anschein nach hat der wendige Politiker nun auf die richtige Karte gesetzt. (André Ballin, DER STANDARD, 22.4.2014)

  • Nach der Annexion hofft Russland, dass das Glücksspiel der Krim den Weg in eine erfolgreiche Zukunft weisen kann.
    foto: reuters/maxim shemetov

    Nach der Annexion hofft Russland, dass das Glücksspiel der Krim den Weg in eine erfolgreiche Zukunft weisen kann.

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