Schweizer "Abgabenwunder" zum Gutteil Mythos

21. April 2014, 10:52
104 Postings

Offizielle Statistik unterschätzt Abgabenbelastung Schweizer Arbeitnehmer - Reale Belastung um zwei Drittel höher - Aber immer noch niedriger als in Österreich

Wien - Im europäischen Steuervergleich gilt die Schweiz als Vorbild: Während die Abgaben heimischer Arbeitnehmer im Spitzenfeld liegen, zahlen die Eidgenossen die niedrigsten Steuern. Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt aber, dass die reale Belastung der Schweizer deutlich höher ist als angenommen. Zum Vorbild taugt das Nachbarland für IHS-Chef Christian Keuschnigg trotzdem - beim Föderalismus.

Auf den ersten Blick sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Die Steuerbelastung österreichischer Arbeitnehmer liegt im europäischen Spitzenfeld. Ein Durchschnittsverdiener ohne Kinder zahlt hierzulande (inklusive Arbeitgeberbeiträge) 49,1 Prozent seines Einkommens an Staat und Sozialversicherung. Mehr sind es laut der vorige Woche präsentierten OECD-Studie "Taxing Wages" nur in Deutschland (49,3 Prozent) und Belgien (55,8 Prozent). Damit liegt Österreich deutlich vor Schweden (42,9 Prozent), den Niederlanden (36,9 Prozent) und der Schweiz (22 Prozent).

Nicht alles berücksichtigt

Das Problem bei dem Vergleich: Er stellt die Situation holländischer und Schweizer Arbeitnehmer deutlich rosiger dar, als sie tatsächlich ist. Berücksichtigt werden nämlich nur Abgaben, die direkt an den Staat bezahlt werden. Die in der Schweiz und den Niederlanden hohen Pflichtbeiträge für die private Pensions- und Krankenversicherung bleiben dagegen ausgeblendet - auch wenn diese Kosten "dieselbe Lücke in der Brieftasche hinterlassen", wie eine OECD-Sprecherin in Berlin der APA sagte.

Auch für IHS-Chef Christian Keuschnigg, er unterrichtet seit 2001 an der Universität St. Gallen, ist das Bild unvollständig, weil es wesentliche Kosten für die Pensions- und Gesundheitsvorsorge der Schweizer ignoriert. Zwar biete das kapitalgedeckte Schweizer Pensionssystem vor allem für Besserverdiener mehr Wahlfreiheit in Sachen Beitragshöhe und Auszahlung, aber: "Die Haushalte müssen ja auch Vorsorge treffen, wenn es nicht staatlich organisiert ist."

"Realistischeres Bild"

Um ein "realistischeres Bild" der tatsächlichen Abgabenbelastung zu erhalten, rät die OECD daher zu einem Vergleich inklusive privater Pflichtbeiträge ("Non-Tax Compulsory Payments") - und hier verschlechtert sich das Ranking der Schweiz und der Niederlande deutlich. Ein Schweizer Durchschnittsverdiener bezahlt damit 37,2 Prozent Abgaben - um zwei Drittel mehr als die offiziell ausgewiesenen 22 Prozent. Und die Niederlande liegen mit 51,8 (statt 36,9) Prozent überhaupt vor Österreich.

Noch deutlicher fällt die Verschiebung aus, wenn man nur die von den Arbeitnehmern selbst zu zahlenden Abgaben betrachtet, also die Arbeitgeberbeiträge ausblendet. Hier weist die OECD für Österreich nur noch bei Singles eine deutlich höhere Belastung aus als für die Schweiz. Bei Alleinerzieherinnen und Familien ist die individuelle Abgabenlast (nach Sozialtransfers) dagegen vergleichbar. Dies u.a. deshalb, weil Schweizer Familien ihre Kinder privat krankenversichern müssen, während sie in Österreich mitversichert werden.

Niedrigere Mehrwertsteuer

Keuschnigg verweist allerdings darauf, dass die Gesamtsteuerbelastung der Schweizer - insbesondere durch die wesentlich niedrigere Mehrwertsteuer (acht statt 20 Prozent) - deutlich geringer ist als in Österreich. Wenngleich dieser Effekt durch das höhere Preisniveau in der Schweiz etwas reduziert wird. Als Vorbild für Österreich sieht Keuschnigg die Schweiz insbesondere durch den Steuerwettbewerb zwischen Kantonen und Gemeinden. Der führe, in Kombination mit der direkten Demokratie, dazu, dass über zusätzliche öffentliche Ausgaben "intensiver nachgedacht" werde als hierzulande.

Nicht erhoben wird von der OECD übrigens, wie sich die privaten Pflichtbeiträge auf die gesamte Abgabenquote der Schweiz auswirken. Eine derartige Berechnung hat vor vier Jahren die Arbeiterkammer angestellt. Darin lag Österreich bei der offiziellen Steuer- und Abgabenquote (Stand 2006) um 12,5 Prozentpunkte vor der Schweiz - inklusive privater Pflichtbeiträge reduzierte sich der Abstand auf 4,5 Prozentpunkte. "Der große Unterschied, der beispielsweise durch die Abgabenquoten der Schweiz und Österreichs signalisiert wird, existiert in Wirklichkeit nicht", folgerte die AK damals. (APA, 21.4.2014)

  • Artikelbild
Share if you care.