Gehirnschmalz schlägt US-Schiefergas

Blog21. April 2014, 00:07
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Voest-Chef Eder hat Unrecht: Energiekosten sind nicht der entscheidende Standortfaktor für Österreich

Führende Industriemanager, allen voran Voestalpine-Chef Wolfgang Eder, haben in den vergangenen Tagen heftige Kritik an der österreichischen Standortpolitik geäußert. Es ist immer nützlich, wenn die Wirtschaft auf die Politik Druck ausübt, sich mehr um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu kümmern.

Aber eines ist dabei aufgefallen: In der Vergangenheit war Eder ein starker Fürsprecher für eine bessere Bildungspolitik. In seinen jetzigen Interviews für die Frankfurter Allgemeine und das Ö1-Mittagsjournal war von Schule und Forschung allerdings nicht die Rede. Eder ging es um Verwaltung, Steuern und vor allem die Energiekosten in Europa.

Verbunden war die Kritik mit der Drohung, in den kommenden Jahren wichtige Teile des Unternehmens nach Texas zu verlagern, wo die Voestalpine in der Hafenstadt Corpus Christi in Kürze ein neues Stahlwerk eröffnen wird. Dort, sagt Eder, finden die Voest und andere Industriebetriebe bessere Bedingungen vor als in Mitteleuropa. Und der Vorstandschef spricht auch kryptisch von der fehlenden Dialogbereitschaft der Regierung.

Die Botschaft dahinter: Macht uns Zugeständnisse bei Steuern und Energiekosten, sonst ziehen wir von Linz ab.

Texas, ein Unternehmensparadies

 Auf den ersten Blick hat Eder ja Recht: Texas hat auch für US-Verhältnisse besonders niedrige Steuern. Die Verwaltung ist berühmt für ihre Unternehmensfreundlichkeit. Die Energiekosten sind in den USA durch die massive Förderung von Schiefergas deutlich unter das Niveau in Europa gefallen. Und für CO2-Emissionen muss man in den USA, das beim Kioto-Prozess nicht mitmacht, auch nicht bezahlen.

Doch das bedeutet nicht, dass Texas ein besserer Industriestandort ist als Oberösterreich, zumindest nicht in jenen Bereichen der Technologie und Hochtechnologie, in denen sich die Wettbewerbsfähigkeit hochentwickelter Industrienationen entscheidet.

Wie Wifo-Chef Karl Aiginger vor kurzem in einem Standard-Gespräch gesagt hat: „Es ist sinnlos, wenn Europa versucht, bei den Energiekosten mit den USA oder bei den Arbeitskosten mit Asien zu konkurrieren“. Exporterfolge und Wohlstand hänge viel mehr von der Innovationsfähigkeit und der beruflichen Qualifikation der eigenen Bevölkerung ab. Hier müssten Europa und Österreich ihre Bemühungen verstärken.

Texas, ein Albtraum für viele

Tatsächlich ist Texas weitaus weniger attraktiv, wenn man diese Faktoren mit einrechnet. Der von den Republikanern dominierte Bundesstaat hat eines der schlechtesten Schulsysteme der USA. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Unis mittelmäßig. Die Infrastruktur zerbröselt, die Umwelt leidet und die fehlende soziale Absicherung macht das Leben für Millionen Texaner zu einem ständigen Kampf.

Für ein Stahlwerk ist Corpus Christi sicher besser geeignet als Linz. Deshalb ist es verständlich, wenn die Voest in den kommenden Jahren Teile ihrer Grundproduktion verlagert. Aber der Erfolg des Konzerns beruht ja darauf, dass er immer weniger Massenstahl und immer mehr hochqualitative Stahlprodukte produziert, für das es Forschung, Entwicklung und gut ausgebildete Fachkräfte benötigt. Und hier sind Linz, Donawitz und andere europäische Standorte immer noch besser als Texas.

Und was sich Unternehmen in den USA in der Bürokratie ersparen, geben sie über horrende Anwaltskosten und sündteure Schadenersatzprozesse aus. Die Erfahrung des Feuerfestherstellers RHI, der an seiner USA-Expansion vor zehn Jahren fast zugrundeging, weil er sich horrende Asbestprozesse einhandelte, sollte auch für die Voest eine Warnung sein. 

Billige Energie ist Irrweg

Europäische Regierungen sollten sich davor hüten, über billigere Energie zu versuchen, Industriebetriebe zu halten. Fossile Energie muss teurer werden, damit die CO2-Emissionen sinken und Europas Kampf gegen Klimawandel nicht nachlässt. Früher oder später werden da auch die USA folgen müssen. Und Schiefergas ist für Europa derzeit keine Option.

Es stimmt, dass die deutsche Energiewende ein Fiasko ist und bisher zu mehr statt zu weniger Treibhausgasen geführt hat. Das liegt aber vor allem daran, dass gleichzeitig mit der Förderung von Wind und Solar fossile Energie wieder billiger wurde, weil der Emissionshandel praktisch zusammengebrochen ist.

Schuld daran war auch das schwache Wachstum der vergangenen Jahre, vor allem aber, dass viel zu viele CO2-Zertifikate ausgegeben wurden. Und das geschah auf Druck der Industrie, die vor massiven Wettbewerbsnachteilen warnte.

Daumenhalten für Linz

Man kann nur hoffen, dass die Voest sich bei der Erneuerung ihrer Hochöfen sich doch wieder für den Standort Linz entscheidet, denn das macht es wahrscheinlicher, dass auch die höherwertige Weiterverarbeitung in Österreich bleibt. Aber die Zukunft der österreichischen Industrie liegt nicht im Stahl, sondern in Technologien, die weniger Energie und mehr Gehirnschmalz brauchen.

Die Versäumnisse in den Schulen, auf den Unis und in der Forschung sollte Eder kritisieren und nicht die Energiepreise. Das wäre ein besserer Beitrag, um den Standort Österreich abzusichern. (Eric Frey, derStandard.at, 21.4.2014)

  • Bei billiger Energie kann das Voest-Werk in Linz mit dem in Corpus Christi nicht mithalten, bei anderen Standortfaktoren schon.
    foto: apa/gindl

    Bei billiger Energie kann das Voest-Werk in Linz mit dem in Corpus Christi nicht mithalten, bei anderen Standortfaktoren schon.

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