Modell Europa, Modell Putin

Kolumne18. April 2014, 18:41
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Putin versucht eine neue russische Volks-und Staatsidentität zu bauen

Wer schon in der alten Sowjetunion die Ohren und Augen offenhielt, konnte den russischen Nationalismus hinter der Fassade des "sozialistischen Internationalismus" spüren. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus zogen Raubtierkapitalismus und Oligarchentum ein, für die Masse änderte sich wenig. Gleichzeitig schwelen Wut und Frust über verlorene imperiale Größe.

Jetzt versucht Putin eine neue russische Volks-und Staatsidentität zu bauen: das wahre, echte Russland, mächtig, gefürchtet, autoritär, im Bund mit einer obrigkeitstreuen Staatskirche - ein Gegenmodell zum liberalen, "dekadenten", säkularen, "schwulen" Europa.

In seiner stundenlangen Fernsehshow schwafelte Putin wieder vom Alleinstellungsmerkmal des großen russischen Volkes: "Mir scheint, dass der russische Mensch vor allem daran denkt, dass es irgendeine höhere moralische Bestimmung des Menschen gibt." Das sei im Westen anders: Dort sei der Materialismus alleiniger Maßstab. "Nur in unserem Volk konnte die Redensart entstehen: 'Vor der Welt ist auch der Tod schön.' Das heißt, der Tod für den anderen, für sein Volk." Darin lägen die "tiefen Wurzeln unseres Patriotismus", auch das "massenhafte Heldentum" im Krieg.

Eine geschickte, ja infame, Rationalisierung der russischen Rückständigkeit: Der Westen hat es materiell zwar viel besser, aber wir haben dafür die berühmte russische Seele. Gleichzeitig eine versteckte Ankündigung eines neuen Belastungstests für die Leidensfähigkeit des russischen Volkes? Derlei stößt aber auf Resonanz. Bei Pro-Putin-Demonstrationen in Moskau war der Slogan "Wir sind nicht Europa" zu hören. Putin baut darauf eine neue Ideologie - und eine neue Geopolitik. Denn das Konzept von neuer russischer Größe braucht auch neue Vasallen. Die alte UdSSR lebte von "Arbeitsteilung" (=Ausbeutung) im Block. Technologie und Konsumgüter kamen großteils von den Rändern des Imperiums. Putin hat in seinen 15 Jahren nichts daran geändert. Seine "Eurasische Union", sein "Europa von Lissabon bis Wladiwostok" wäre eine große Einflusszone, in der die Europäer zwar für ihre hochwertigen Güter mit Petrodollars bezahlt würden, in der die russische Führungsclique zwar weiter ihr Geld zum Waschen und ihre Kinder zum Studieren schicken würde, die aber politisch von Moskau gesteuert wäre.

Der Historiker Timothy Snyder, Verfasser eines Standardwerks über den Raum (Bloodlands) arbeitet es glasklar heraus: "Für Länder wie Frankreich oder Österreich oder, was das betrifft, Griechenland, Bulgarien und Ungarn ist die Zurückweisung der EU gleichbedeutend mit der Umarmung von Eurasien. Eine Rückkehr zum Nationalstaat ist unmöglich, daher wird die Integration in der einen oder anderen Form weitergehen. Politiker und Intellektuelle pflegten zu sagen, es gäbe keine Alternative zum europäischen Projekt, doch nun gibt es eine: Eurasien." (Hans Rauscher RAUSCHER, DER STANDARD, 19.4.2014)

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