Neue Perspektiven: Viva Putinismo!

Kommentar der anderen18. April 2014, 18:39
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Mit seiner antiwestlichen Agenda steht Russlands Präsident an der Spitze einer Bewegung von Schwellenländern. Ihre politischen Resentiments werden im Lauf des 21. Jahrhunderts einige Ukraine-Szenarien erzeugen.

Sagt mir eure Ukraine, und ich sage euch, wer ihr seid. Die Ukraine ist ein politischer Rorschach-Test - nicht nur für Personen, sondern auch für Staaten. Was wir dadurch erfahren, ist für den Westen nicht besonders ermutigend. Es zeigt sich, dass Wladimir Putin mehr Bewunderer weltweit hat, als es anzunehmen wäre für einen Mann, der eine neosowjetische Kombination aus Gewalt und einer großen Lüge dazu benützt, einen benachbarten souveränen Staat auseinanderzunehmen. Ich meine nicht nur die Regierungen Venezuelas und Syriens, die lautesten Unterstützer. Der starke Mann Russlands sammelt auch stille Unterstützung, ja sogar verhaltenen Applaus der weltweit wichtigsten aufstrebenden Mächte China und Indien.

Während eines Besuches in China wurde ich fortwährend gefragt, was denn in der Ukraine los sei. Und ich bestand im Gegenzug darauf zu wissen, was die chinesische Haltung dazu sei. Würde sich ein Land, das sich so konsistent für Souveränität und territoriale Integrität ausgesprochen hat (sei es im früheren Jugoslawien oder im Irak) und überdies selbst einige prospektive Krimkrisen hat (Tibet, Xinjiang), nicht unwohl dabei fühlen, wenn Russland einfach einen großen Teil eines Nachbarlandes an sich reißt?

Abgelenkte USA

Die Antwort lautete: Na ja, die Ukraine sei weit entfernt, und, offen gesprochen, die Vorteile der Krise würden die Nachteile für China überwiegen. Die USA würden nach Al-Kaida, Afghanistan, und dem Irak eine weitere Zerstreuung ihrer Konzentration auf die asiatisch-pazifische Region erleiden und ihre Aufmerksamkeit von China ablenken. Gleichzeitig würde die kalte Schulter des Westens Russland abhängiger von einer guten Beziehung zu Peking machen.

Die Ukraine dagegen verkauft bereits jetzt höherwertiges militärisches Gerät an ihren großen asiatischen Alliierten als Russland. Die neue Führung in der Ukraine hat sich bereits beeilt, verständlich zu machen, dass das chinesische Versagen, die Annexion der Krim zu verurteilen, keinerlei Auswirkungen auf die zukünftigen Beziehungen haben werde. Was soll daran nicht zu mögen sein?

Neben der Realpolitik, so erklärte man mir, gäbe es auch noch eine emotionale Komponente: Chinesische Spitzenpolitiker, die wie Xi Jinping unter Mao aufgewachsen sind, erwärmten sich instinktiv für die Idee eines nichtwestlichen Führers, der gegen den kapitalistischen und imperialistischen Westen aufstehe. "Xi mag Putins Russland", sagte ein gut informierter Beobachter. Die chinesischen Medien kommentieren inzwischen aber vorsichtiger, seit Putin nach der Krim nun auch in der Ostukraine umrührt.

Die nationalistische Global Times sprach noch vergangenen Monat von der "Rückkehr der Krim zu Russland". Nun warnt das Blatt, dass "die Ostukraine sich von der Krim unterscheidet. Sezession widerspricht der vom Völkerrecht garantierten territorialen Integrität". (Aber Putin zielt gar nicht auf eine Abspaltung. Er will ein finnlandisiertes Bosnien, ein neutrales Land mit einer so weitreichenden Föderalisierung, dass die Ostregionen quasi bosnische Entitäten unter russischem Einfluss werden.)

Diese wachsende Besorgnis allerdings kühlte den warmen Empfang für den russichen Außenminister Sergej Lawrow zuletzt in Peking nicht ab. Präsident Xi sagte, dass die Beziehungen Chinas zu Russland zum Besten stünden und dass diese "eine unersetzliche Rolle für den Frieden und die Stabilität in der Welt" spielten. Das chinesische Außenamt erklärte das Verhältnis zu einem, das sich "reichhaltigster Inhalte, des höchsten Niveaus und der größten strategischen Bedeutung rühmt". Für die USA soll das heißen: Weint euch eure Augen heraus. China freut sich, Präsident Putin im nächsten Monat zu einem Gipfel zu empfangen.

Aber es geht nicht nur um China. Einer meiner Freunde ist eben aus Indien zurückgekehrt. Er berichtet, dass mit dem wahrscheinlichen Wahlerfolg von Narendra Modi und dem Wachsen von Indiens eigenem "Raubtierkapitalismus" Indiens Liberale befürchten, dass die weltgrößte Demokratie ihre eigene Version des Putinismus bekommen könnte. Jedenfalls war Indien bisher auf der Seite Russlands, nicht des Westens, wenn es um die Ukraine ging.

Putin hat Indien für dessen "zurückhaltende und objektive Haltung" hinsichtlich der Krim gedankt. Indiens postkoloniale Obsession in Betreff seiner Souveränität und seine Ressentiments gegen jede Art von westlichem Imperialismus unterstützt - einigermaßen unlogisch - ein Land, das eben die Souveränität eines Nachbarn dramatisch verletzt hat. Ein indisches Satiremagazin mutmaßte, dass Putin angeheuert worden sei, um den Kaschmirkonflikt ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Nebenbei: Indien bezieht einen Gutteil seiner Waffen aus Russland.

Einige Enthaltsamkeit

Russlands weitere Partner in der Bric-Gruppe - Brasilien und Südafrika - haben sich in der UN-Vollversammlung der Abstimmung über die Resolution, die das Krimreferendum kritisierte, enthalten. Sie teilten auch die "Bedenken" gegen den Vorschlag des australischen Außenministers, dass Putin vom G-20-Gipfel im November ausgeladen werden sollte.

Was der Westen hier erlebt, ist das Sprießen zweier Schöße: das Ressentiment Mütterchen Russlands wegen ihres in den vergangenen 25 Jahren geschrumpften Imperiums und das Ressentiment gegenüber Jahrhunderten westlicher kolonialer Dominanz.

Das hat verschiedene Ausformungen in verschiedenen Brics-Ländern und Mitgliedern der G 20. Sie haben zweifellos nicht alle das monolithische Narrativ Chinas nationaler Demütigung seit den Opiumkriegen. Aber auf die eine oder andere Weise teilen sie eine Sorge um ihre Souveränität, einen Widerstand gegen die USA und Europa, die ihnen sagen wollen, was gut für sie sei, und eine gewisse Schadenfreude beim Anblick Uncle Sams, der von einem kämpferischen Russen ins Auge gestochen wird: Viva Putinismo!

Das hat keine unmittelbare Auswirkung auf die Verhältnisse in der Ukraine, aber es ist eine weitere Perspektive dieser osteuropäischen Krise. So muss man sich merken: Je mehr wir in das 21. Jahrhundert kommen, desto mehr Ukrainen wird es geben. (Timothy Garton Ash, DER STANDARD, 19.4.2014)

 

Timothy Garton Ash ist Professor für European Studies an der Oxford University.

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