"Brasilien ist nicht nur Samba, Caipirinha und Strand"

Interview18. April 2014, 15:48
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Für die Pädagogin Vanessa Noronha-Tölle ist die Fußball-WM erst der Beginn der Blütephase ihres Heimatlandes

Standard: Die ganze Welt schaut im Juni auf Brasilien. Wie sieht Ihr persönlicher Blick auf Ihre Heimat aus?

Noronha-Tölle: Die WM bringt mehr als nur ein Fußball-Event, es entsteht eine soziale Bewegung. Die Mittelschicht wächst, das ist spürbar. Ich vergleiche Brasilien mit einem Haus, das noch immer eingerichtet wird. Es ist ein junges, riesiges Land, das sich rasend schnell entwickelt, aber noch Zeit braucht.

Standard: Wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien das Land einen oder eher trennen? Stichwort Sozialproteste.

Noronha-Tölle: Das Volk wird auch während der WM auf sich aufmerksam machen. Die Politik investiert momentan stark in Industrie und Tourismus, spart im Sozialbereich. In Brasilien war es lange ruhig, es wurde nicht aufgemuckt. Die Leute wollen jetzt nicht mehr passiv zuschauen.

Standard: Was haben Sie für einen familiären Hintergrund?

Noronha-Tölle: Ich stamme aus dem Norden, aus Aracaju im Bundesstaat Sergipe. Da ist es ruhiger, es finden keine WM-Spiele statt, nur das griechische Team wird hier wohnen. Die Region wird stark von der staatlichen Erdölgesellschaft Petrobras dominiert. Mein Vater war dort leitender Ingenieur, meine Mutter arbeitete in der Stadtverwaltung. Ich komme aus der Mittelschicht, war aber 14 Jahre lang Volksschullehrerin in meiner Heimat und hatte deshalb immer Kontakt mit weniger privilegierten Kindern. In Brasilien sagt man nicht arm oder reich.

Standard: Sie leben mit Ihrem Mann seit zehn Jahren in Wien, haben einen österreichisch-brasilianischen Kulturverein namens Papagaio gegründet. Warum?

Noronha-Tölle: Ich sah in Wien viele brasilianische Kinder, die keinen Bezug zur Kultur ihrer Heimat hatten. Darum engagierte ich mich für Portugiesisch-Sprachkurse und muttersprachlichen Unterricht an Volksschulen. Buchstaben an die Tafel malen, brasilianische Märchen erzählen, Lieder lernen.

Standard: Wie viele Brasilianer leben in Österreich?

Noronha-Tölle: Ungefähr 6000. Davon lebt ein großer Teil in Vorarlberg. Ungefähr 1200 sind es in Wien, viele mit Kindern.

Standard: Letztes Jahr organisierten Sie auch das brasilianische Kulturfestival in Wien. Findet ein Austausch der Kulturen statt?

Noronha-Tölle: Brasilien ist nicht nur Samba, Caipirinha und Strand. Wir wollen Kultur vermitteln, die der Österreicher nicht kennt. Es wurde eine Kooperation zwischen dem Weltmuseum Wien und dem Landesmuseum von Sergipe initiiert, Ausstellungen wurden organisiert. Ein Thema etwa: Literatur an der Schnur. Da geht es um kopierte A5-Hefte mit populären Geschichten über Könige und Banditen in Gedichtform. Sie werden auf Märkten an Wäscheleinen aufgehängt, sind billiger als jeder Buchdruck und helfen bei der Alphabetisierung Brasiliens.

Standard: Für den brasilianischen Schriftsteller Chico Buarque sind die Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen, das Bildungssystem oder überhöhte Ausgaben für die WM ein Durcheinander, das kein Ziel und keine Adresse hat. Brasilien sei ein Land der Egoisten. Wie sehen Sie das?

Noronha-Tölle: Buarque hat unrecht, wenn er sagt, dass es kein gemeinsames Ziel gibt. Der soziale Aufstieg hat nichts mit Egoismus zu tun. Früher konnte nur die Mittelschicht studieren, jetzt bekommen weniger privilegierte Schichten Quotenplätze, sogar für Auslandsstipendien. Das hat es noch nie gegeben. Die Chance, aufsteigen zu können, ist ein Impuls für die Menschen.

Standard: Buarque sagt auch, dass Brasilien ein Land der Gewalt ist und es immer war. Die Armee "befriedet" vor der WM Favelas mit Panzereinsätzen.

Noronha-Tölle: Das Elend ist auch eine Folge des Kolonialismus. Die Portugiesen entließen eingeschleppte Sklaven in die Freiheit, gaben ihnen aber nicht die Möglichkeiten, ein ordentliches Leben zu führen, mit Jobs und Wohnungen. Brasilien ist bald 200 Jahre unabhängig, es gab viele positive Veränderungen. Ich will aber nichts schönreden. Standards wie in Österreich sind undenkbar. Dass man um drei Uhr nachts nach Hause gehen kann, das geht in Brasilien nicht.

Standard: Wird es während der WM sicher sein?

Noronha-Tölle: Es geht darum, Relationen herzustellen. In Brasilien können teure Turnschuhe ein Monatsgehalt kosten, da kann man sich als Reisender schnell zur Zielscheibe machen. Es kann nicht schaden, sich normal anzuziehen, ein paar Wörter Portugiesisch zu lernen und nicht überall zu zeigen, dass man reicher Tourist ist.

Standard: Viele Kinder in den Favelas spielen "Pelada", barfüßigen Straßenfußball. Verkörpert für sie Fußball mehr denn je den Traum vom besseren Leben?

Noronha-Tölle: Leider ist die Einstellung weit verbreitet, dass man nur über Fußball oder über Schauspielerei reich werden kann, anstatt zu studieren. Als Vorbilder sollten eigentlich Berühmtheiten dienen, die nach ihrer Sportkarriere auch im normalen Berufsleben erfolgreich waren. Wie etwa Socrates, der als Kinderarzt arbeitete. Oder Romario, der als Abgeordneter in die Politik ging. Bildung ist wichtig, das wird den Menschen aber bewusster.

Standard: Wer verliert das Finale?

Noronha-Tölle: Deutschland. Für mein Heimatland ist bei dieser WM alles möglich. (Florian Vetter, DER STANDARD, 19.4.2014)

Vanessa Noronha-Tölle (40) stammt aus Aracaju, der Hauptstadt des Bundesstaates Sergipe in Nordbrasilien. Die Pädagogin lebt seit 2005 mit ihrem Ehemann Michael in Österreich und betreibt in Wien den interkulturellen Verein Papagaio. Noronha-Tölle organisiert das jährlich stattfindende brasilianische Kulturfestival. Sie hat einen Sohn.

  • Noronha-Tölle: "Standards wie in Österreich sind undenkbar. Dass man um drei Uhr nachts nach Hause gehen kann, das geht in Brasilien nicht."
    foto: standard/cremer

    Noronha-Tölle: "Standards wie in Österreich sind undenkbar. Dass man um drei Uhr nachts nach Hause gehen kann, das geht in Brasilien nicht."

  • "In Brasilien können teure Turnschuhe ein Monatsgehalt kosten, da kann man sich als Reisender schnell zur Zielscheibe machen."
    foto: standard/cremer

    "In Brasilien können teure Turnschuhe ein Monatsgehalt kosten, da kann man sich als Reisender schnell zur Zielscheibe machen."

  • "Das Elend ist auch eine Folge des Kolonialismus."
    foto: standard/cremer

    "Das Elend ist auch eine Folge des Kolonialismus."

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