Jäger und Sammler zeigen, wie die Lebensweise die Darmflora beeinflusst

21. April 2014, 17:26
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Forscher verglichen das ostafrikanische Volk der Hadza mit Vertretern eines urbanen Lebensstils und stießen auf interessante Unterschiede

Leipzig - Viele Jäger- und Sammlergesellschaften lassen sich heute nicht mehr finden, aber es gibt sie noch. Eine davon ist das in Tansania lebende Volk der Hadza, dem weniger als 1.000 Menschen angehören. Trotz wachsenden Einflusses der modernen Zivilisation haben sie sich ihre traditionelle Lebensweise noch weitgehend bewahrt.

Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie haben sich dies zusammen mit internationalen Kollegen zunutze gemacht, um die Auswirkungen der Lebensweise auf die menschliche Darmflora zu untersuchen. Dabei stellten sie fest, dass sich das Mikrobenprofil der Hadza von denen aller anderen bisher untersuchten Menschengruppen unterscheidet. Die Bakterien im Verdauungstrakt der Hadza spielen also möglicherweise eine entscheidende Rolle bei der Anpassung an ihre spezielle Ernährungs- und Lebensweise.

Erwartbare Ergebnisse ...

Für die aktuelle Untersuchung zogen die Forscher um Stephanie Schnorr und Amanda Henry als Vergleichsgruppe Italiener als Vertreter einer urbanen westlichen Lebensweise heran. Im Vergleich weisen die Hadza eine vielfältigere Darmflora auf: "Das ist für die menschliche Gesundheit äußerst relevant", sagt Schnorr. "Einige vor allem in Industrienationen vorkommende Krankheiten, wie zum Beispiel das Reizdarmsyndrom, Darmkrebs, Adipositas, Diabetes Typ 2, Morbus Crohn und andere, stehen in Verbindung mit der Verringerung der Diversität der mikrobiellen Darmflora."

Die Darmbesiedlung der Hadza ist zudem sehr gut an die Verdauung von Fasern aus einer pflanzenreichen Kost angepasst und hilft möglicherweise dabei, diesen Nahrungsmitteln mehr Energie zu entnehmen.

... und überraschende

Überraschender war ein anderes Ergebnis: Und zwar weist die Darmflora von Hadza-Männern und -Frauen erhebliche Unterschiede auf - so etwas wurde bisher bei keiner anderen menschlichen Bevölkerungsgruppe beobachtet. Die Ursache dafür dürfte in tendenziell unterschiedlichen Ernährungsweisen liegen: Während die Hadza-Männer Wild jagen und Honig sammeln, übernehmen die Frauen das Sammeln von Knollen und anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln. Es wird zwar alles miteinander geteilt, doch isst jedes Geschlecht ein wenig mehr von der selbst beschafften Nahrung.

Darüberhinaus kommen die Forscher zum Schluss, dass Kategorien wie "gesunde" und "ungesunde" Bakterien relativ sein könnten, weil sie von der Lebensweise abhängen. Das Indiz: Die Darmflora der Hadza enthält eine große Anzahl an Bakterien, die in der westlichen Bevölkerung oft als Anzeichen für Krankheiten gedeutet werden: Etwa Treponema, Verwandte des Syphilis-Erregers.

Andere Bakterien, wie Bifidobacterium, die bei uns als "gesund" gelten, sind bei den Hadza vermindert. Dennoch treten bei den Hadza kaum durch ein Ungleichgewicht der Darmbakterien verursachte Autoimmunkrankheiten auf. Letztlich ist es also vielleicht die genetische Vielfalt der Bakterien an sich, die das wichtigste Kriterium für eine gesunde und stabile Darmflora darstellt. (red, derStandard.at, 21. 4. 2014)

  • Von den Knollen, die die Frauen der ostafrikanischen Hadza zubereiten, geben sie auch ihren Männern etwas ab. Dennoch nehmen die Früchte einen größeren Teil ihrer Gesamtnahrung ab als bei den Männern - vermutlich der Grund für Geschlechtsunterschiede in der Zusammensetzung der Darmflora.
    foto: alyssa crittenden

    Von den Knollen, die die Frauen der ostafrikanischen Hadza zubereiten, geben sie auch ihren Männern etwas ab. Dennoch nehmen die Früchte einen größeren Teil ihrer Gesamtnahrung ab als bei den Männern - vermutlich der Grund für Geschlechtsunterschiede in der Zusammensetzung der Darmflora.

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