Freiheit für die "Sündenklumpen"

25. April 2014, 17:33
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Wenigstens einmal im Jahr, vor Ostern, sollte jeder Katholik beichten. Aber das "Sakrament der Versöhnung" ist zunehmend in der Krise. Von Andrea Roedig

Ich erinnere mich an das Gitter. Kleine Quadrate waren quer ins dunkle Holz geschnitzt, so dass sie ein engmaschiges Muster ergaben, in dem hunderte winzige Vierecke auf ihren Spitzen balancierten. So eng war die Kabine, so schmal die Kniebank gebaut, dass man mit dem Gesicht ganz dicht heranmusste ans Gitter, bis das Muster vor den Augen verschwamm und einen leichten Schwindel auslöste. Ich hatte immer Angst, irgendwann ohnmächtig zu werden in der schwülen, stickigen Luft dort drinnen. Hinter dem Gitternetz im Halbdunkel schwebte die nahe Wange, der flüsternde Mund, das lauschende Ohr des fahl beleuchten Priesters.

Ohrenbeichte heißt das nicht umsonst. Fremd war der Mann hier, obwohl man ihn kannte, zerstückelt nah und entrückt, und man musste sehr genau hinhören, um die beinahe lautlos zischelnden Worte gut zu verstehen, die von Sünden freisprachen und Buße anordneten. Drei Vaterunser, drei Ave Maria, dann ist alles gut.

Der alte Beichtstuhl

Ostern ist Beichtzeit. Weil der Sohn Gottes am Kreuz die Schuld der Welt auf sich nahm, können uns Menschen die Sünden erlassen werden, wenn wir bereuen und beichten. Doch die alte Institution des katholischen Sündenbekenntnisses ist spätestens seit den 1970er-Jahren, wenn nicht schon länger, in der Krise. Genaue Beichtzahlen gibt es nicht, aber deutlich ist, dass nur noch wenige Christen regelmäßig das "Sakrament der Versöhnung" in Anspruch nehmen. Die Beichtstühle verschwinden. In der Wiener Michaelerkirche ist das barocke Gehäuse ausrangiert. "Die alte Sprache der Beichtstühle ist fast verstummt", steht auf dem Erklärungsschild davor. Das Beichtgespräch findet jetzt in einem Aussprachezimmer statt oder irgendwo zwischen den Kirchenbänken.

Im Alten Dom in Linz wurde im letzten Jahr ein eigener, künstlerisch gestalteter "Beichtraum" eröffnet. Es ist eine aus weiß gestrichenem Beton rundlich geformte Blase, drinnen stehen ein Tisch, Stühle, und für solche, die es mögen, ist ein weißes Beichtgitter als Paravent aufgestellt, davor eine weich gepolsterte Kniebank. Hier finden Beichtgespräche statt, aber auch geistliche und psychologische Beratungen. Der Kirchenrektor, Michael Meßner, will das "Sakrament der Versöhnung" erneuern und festlich gestalten, den alten Beichtstuhl hat er abbauen lassen. Meßner hat auch Zahlen. In den 1930er-Jahren, erzählt er, verzeichnete der Linzer Dom an die 23.000 Beichten im Jahr. Manche Priester saßen sechs Stunden am Tag im Beichtstuhl. Das klingt nach Fließbandarbeit. Heute legen hier jährlich noch rund 1500 Personen die Beichte ab. Immerhin.

Als eigenständiges Kirchenmobiliar ist der Beichtstuhl eine Erfindung des Barock. Vorher saßen die Beichtväter auf offenen, teilweise mit Stufen umrandeten Stühlen, beugten sich vielleicht hinab zum vor ihnen knienden Schützling, legten zur Lossprechung die Hand auf. Das Beichtgitter verwendete man ursprünglich in Frauenklöstern als Sichtschutz zwischen Priester und beichtender Nonne. Später wurde es zum festen Inventar des geschlossenen Confessional. Eigenartig, es soll der Verführung vorbeugen, doch weil es trennt, erfordert das Gitter zugleich, viel näher heranzurücken ans Gesicht des Priesters, so wie auch der dunkle Raum der Anonymität die Intimität erhöht. Berührung ist nicht mehr möglich, also wandert alles in die Sprache, ins Hören und mehr Hörenwollen, in die Befragung und die Bilder, die sie evoziert.

Was jeder gute Katholik weiß

Die interessante Frage ist, warum eigentlich ein Geständnis strafmindernd wirken kann. Die alte und logische Rechnung ist ja vielmehr Auge um Auge, Zahn um Zahn, Vergehen und Ausgleich. Irgendwann aber hat sich zwischen schuldige Tat und entschuldende Strafe das Geständnis geschaltet wie ein Relais, was eine folgenreiche Verschiebung im Tauschhandel mit der Schuld bewirkt. Wenn du eingestehst und wahrhaft bereust, was Gott schon weiß, kann Gnade vor Recht ergehen.

Jeder gute Katholik weiß: Weil es den Beichtstuhl gibt, gibt es auch immer etwas zu beichten. Das Knien vor dem Gitter mit gesenktem Kopf, das Flüstern im Halbdunkel, die Aufregung vor dem Ritus und die Erleichterung danach, all das senkt einen Reflex des Bekenntnisses und der Demut tief in den Körper ein. Nichts fühlt sich schlimmer an als Erwischtwerden, bevor man sich selbst angezeigt hat. Das Perpetuum mobile von Schuld, Geständnis und Erlösung dreht sich, verfeinert die Sinne und macht ein typisch katholisch schlechtes Gewissen. Wir fühlen uns, wie der heilige Augustinus so schön befahl, beständig als "Sündenklumpen". Zerknirscht, wie es so schön heißt, führen wir uns selbst vor den Richter und dürfen um der Erlösung willen auch immer wieder ein bisschen sündigen.

Klar ist, dass die Privatbeichte, die ab dem sechsten und siebenten Jahrhundert die öffentliche Buße langsam ablöste und mit dem IV. Laterankonzil 1215 für die Gläubigen zur Pflicht wurde, eine Form der Individualität und Innerlichkeit schuf, wie es sie vorher nicht gegeben hatte. Die Beichte fördert die genaue Befragung, die Vermessung und Prüfung des eigenen Selbst, das Suchen nach Gründen und Sünden, die ja nicht nur in Taten bestehen, sondern in "Gedanken, Worten und Werken".

Mir ist das nie passiert

Auch der Protestantismus hat, bei aller Kritik am katholischen Ablasshandel, die Beichte nie aufgegeben, sondern in Form skrupulöser Gewissensprüfung fortgeführt. Sie steht am Ursprung des Sich-Erzählens, der Autobiografie und des psychologischen Romans, der das Verdeckte enthüllen und vor allem erzählen will. Die schuldgetriebene religiöse Selbstprüfung säkularisierte sich im zwanzigsten Jahrhundert zur berühmten "Rede-Kur" der Psychoanalyse. Dass der Analytiker oder die Analytikerin im Rücken des Klienten sitzt und nicht gesehen werden soll, erinnert aber immer noch ans Beichtgitter.

"Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden", schreibt Michel Foucault, der im ersten Band von Sexualität und Wahrheit genau diesem Phänomen nachgeht, dass wir alles erzählen müssen, besonders über den Sex, der eigentlich erst durch das Reden entsteht. Öfter wird berichtet, dass Priester die Sünden des Fleisches besonders detailliert hören wollten und genau nachfragen, wo man sich da angefasst hat. Mir ist das nie passiert. In seinem Buch Die Beichte. Eine dunkle Geschichte (Berlin-Verlag, 2014), argumentiert der Journalist und Vatikanexperte John Cornwell, dass die Herabsetzung des Beichtalters auf sieben Jahre durch Pius X. zu einer massenhaften seelisch-moralischen Unterdrückung von Kindern geführt und auch dem Missbrauch Vorschub geleistet habe.

Als Jugendliche fragte ich meine gut katholische Großmutter, ob sie denn an die Hölle glaube. Sie musste nachdenken. "Ach die Hölle", sagte sie nach einiger Zeit, "das hat man heute ja nicht mehr so." Dass die Beichtzahlen so drastisch zurückgingen, hat viele Gründe, ein wesentlicher ist aber, dass sich das Schuldverständnis gewandelt hat. Die Rede von der Sünde ist unverständlich geworden, und ein Stück weit hat sich die Kirche das selbst eingebrockt, indem sie für sündig erklärte, was niemand mehr für eine Verfehlung hielt, Verhütungsmittel zu benutzen zum Beispiel. Aber selbst die katholische Kirche donnert heute nicht mehr unerbittlich von Schuld und Verdammnis, sondern nennt die Beichte sanft "Sakrament der Versöhnung".

Man muss dem alten Kasten Beichtstuhl nicht nachtrauern. Er war ein elender Disziplinarapparat. Ein Wunderding war er aber auch, und ein Geheimniskästchen. Denn was ich dort Gott gestand, konnte ich der Welt verschweigen. Das geht jetzt nicht mehr so leicht. In einer Gesellschaft, die keine Beichtstühle mehr hat und nicht mehr an die Sünde glaubt, werden Geheimnisse anders sein. Vielleicht werden Bekenntnisse auch flacher und banaler. Auf jeden Fall werden sie öffentlicher, transparenter, demokratischer. Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass in Zeiten von Post-Privacy das Internet zur neuen exhibitionistischen Geständnisanstalt wurde, und natürlich existiert auch eine Webpage www.beichthaus.com. Manchmal scheint es, als habe sich der dunkle Beichtstuhl nur nach außen gestülpt, ins helle und doch anonyme Licht der Öffentlichkeit. Denn wenn wir auch keine Sündenklumpen mehr sind, Geständnistiere sind wir geblieben. (Andrea Roedig, DER STANDARD/Album, 19./20.4.2014)

  • Wir müssen alles erzählen, besonders über den Sex, der eigentlich erst durch das Reden entsteht. Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden. 
    archivfoto (2003) "hermes phettberg im beichtstuhl": heribert corn

    Wir müssen alles erzählen, besonders über den Sex, der eigentlich erst durch das Reden entsteht. Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden. 

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