Osterfestspiele mit Reanimationen

Kolumne18. April 2014, 17:31
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Von Julya Rabinowich

Großfamilien sind etwas Schönes, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, sich gegenseitig die Schädel bei diversen Feierlichkeiten einzuschlagen. Es geht aber auch ganz anders.

Ganz oben auf der Einschlagliste rangiert Weihnachten, da sämtliche Generationen vom Strudel der Ereignisse erfasst werden, ob anwesend oder abwesend spielt keine Rolle. Für Frustrationen sind genug Gelegenheiten vorhanden. Von vergessenen, übergangenen oder nicht ausreichend pompös gefeierten Geburtstagen wollen wir gnädig schweigen. Ob nun die betroffene Person mit ihrer weiteren Lebensrunde in Frieden gelassen oder verwöhnt, womöglich sogar getröstet werden will, erschließt sich der weniger aufmerksamen Umgebung nicht immer.

Falsche Entscheidungen am Valentinstag in Bezug auf Größe und Design können durchaus auch zur Katastrophe führen. Ostern hingegen ist eine Feierlichkeit, bei der kaum etwas schiefgeht. Ostern ist quasi die Erholung von der Wanderung durchs Minenfeld der Pflichttermine. Frieden und Eier, ob mit oder ohne Kuchen, das gibt Grund zur Freude und zum sprunghaften Anstieg des Cholesterinspiegels.

Hat man so eine Großfamilie zu versorgen, können sich Schwierigkeiten ergeben, mit denen man nicht rechnete, die man aber durchaus im Sinne des Osterfestes löst. Auch, wenn man russische Ostern feiert. Unvermeidlich die traditionelle Pascha aus Topfen und Obers. Mit Dotter, Butter, kandierten Früchten und Nüssen vermengt. Ein pyramidaler Traum, der als Epizentrum des großen Fressens in der Mitte des Tisches platziert wird. Die lackierten Holzeier dürfen nicht fehlen, und die echten, die in rotgolden geblümten Holzschalen ruhen. Geschliffene Gläser. Tobende Kinder, rauchende Großväter, sich angeregt unterhaltende Cousins, Schwägerinnen und Onkels.

Und mittendrin die Gastgeberin, ebenso Ärztin mit Schwerpunkt Gerontologie wie ihre über 95-jährige Mutter, in ihrem Rollstuhl am Ehrenplatz in der Mitte. Nach anfänglichem Geplauder ganz still geworden unter ihrer bunten Patchworkseidendecke. So still, dass dies der Tochter auffällt. Der medizinisch geübte Blick trügt nicht: Die alte Dame hat inmitten des Feiertagstrubels zu atmen aufgehört.

Die Ärztin bittet ihren Mann, die Gäste in den Garten zu führen, es gäbe dort frische Blumen zu bestaunen. Die Kinder schickt sie ins Schlafzimmer, um dort angeblich versteckte Eier zu suchen. Der große Raum leert sich zügig, sie schließt die Türe ab, beginnt mit der Herzmassage, reanimiert die Mutter. Ruft die Gäste wieder herein. Die Kinder haben nichts gefunden und sind empört. Die Einzige, die von dem Vorfall erfährt, ist die beste Freundin. Das Fest geht weiter. Ein Auferstehungsfest eben. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 19./20./21.4.2014)

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