Mafiöse Umtriebe in der Vogelwelt

21. April 2014, 17:41
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Zwischen dem parasitären Braunkopf-Kuhstärling und seinen Opfern ergeben sich Zyklen von Widerstand, Erpressung und Hinnehmen

Plön - Neben dem Kuckuck gibt es in der Vogelwelt eine Reihe anderer Brutparasiten, die ihre Eier in die Nester anderer Vogelspezies legen und sie dort ausbrüten lassen. Je nach Art gehen die Schmarotzer unterschiedlich brutal vor - und selbst innerhalb derselben Spezies kann es Schwankungen geben.

Der nordamerikanische Braunkopf-Kuhstärling (Molothrus ater) etwa, eine Singvogelart, bestraft Wirte mit der Zerstörung ihrer Gelege, wenn diese die eingeschmuggelten Eier aus dem Nest werfen. Beobachtungen lassen darauf schließen, dass diese erpresserische Vorgehensweise Erfolg hat: Als Konsequenz akzeptieren die Wirte ein gewisses Maß an Parasitismus, solange sie neben den Kuckuckskindern wenigstens auch ihre eigenen Jungen aufziehen können.

Unter Biologen ist diese "Mafia-Hypothese" noch umstritten, wie die Max-Planck-Gesellschaft berichtet. Wissenschafter des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön haben die Hypothese nun mit einem mathematischen Modell getestet - und sehen sie als bestätigt an. Laut Studien-Erstautorin Maria Abou Chakra können die Kuhstärlinge die Wirtsvögel tatsächlich zur Kooperation zwingen: "Wenn sie einen Vergeltungsschlag vermeiden wollen, dann sollten sie das fremde Ei behalten."

Mathematische Modelle

In einem ersten minimalistischen Modell haben Chakra und ihr Team zugrunde gelegt, dass jeder Parasit nur maximal ein Ei in ein fremdes Nest legt, das der Wirt akzeptieren oder hinauswerfen kann. Ein komplexeres zweites Modell erlaubte es den Parasiten, mehrere Eier zu legen, die unabhängig voneinander zerstört oder akzeptiert werden konnten. "Biologen gefällt das komplexe Modell besser, denn es ist näher an der Wirklichkeit. Aber wir sind in beiden Fällen zu dem gleichen Ergebnis gekommen: Die Dynamik der Interaktion zwischen Wirt und Parasit verläuft zyklisch", sagt Chakra.

Grundsätzlich verbessert ein Wirt die Überlebenschanchen seines Nachwuchses, wenn er eingeschmuggelte fremde Eier konsequent entfernt. Dieses Verhalten rechnet sich, solange mafiös vorgehende Brutparasiten in der Minderheit sind. Das Problem - und eine der Voraussetzungen dafür, dass die Mafia-Hypothese zutrifft - ist jedoch, dass ein mafiöser Parasit mehrmals das gleiche Nest anfliegt. Erst dadurch kann seine Rache überhaupt Wirkung zeigen, zudem muss der Wirtsvogel - das ist die zweite Voraussetzung - lernfähig sein.

Hat der Wirtsvogel aus der im Vergeltungsakt erfolgten Zerstörung seines Nests gelernt, fremde Eier zu akzeptieren, erhöhen die mafiösen Parasiten die Erfolgschancen ihres Nachwuchses beträchtlich. Sie breiten sich aus und bringen die Wirte dazu fremde Eier zu akzeptieren - am besten von Anfang an. Womit das mafiöse Verhalten allerdings auch wieder überflüssig wird. Racheaktionen bleiben aus, die Furcht schwindet - und der Zyklus beginnt wieder von vorne. Ein dauerhaftes Gleichgewicht stellt sich laut Chakra nie ein. (red, derStandard.at, 21. 4. 2014)

 

  • Der nordamerikanische Braunkopf-Kuhstärling ist als Brutparasit nicht wählerisch: Seine Eier wurden schon in den Nestern von über 140 verschiedenen Vogelarten gefunden.
    foto: nature's pic's online (creative commons license)

    Der nordamerikanische Braunkopf-Kuhstärling ist als Brutparasit nicht wählerisch: Seine Eier wurden schon in den Nestern von über 140 verschiedenen Vogelarten gefunden.

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