Aus dem Schicksal führt kein Weg hinaus

21. April 2014, 09:00
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Inspiriert von Ruth Beckermanns Film "Those Who Go Those Who Stay", schrieb Hélène Cixous den vorliegenden Text über Orte, Grenzgänge und das Labyrinth des 21. Jahrhunderts

Ich durcheile raschen Schritts die bunten Straßen einer völkerreichen Stadt. Alle Welt kommt und geht. Ich sehe mir an, wer geht und wer nicht geht. Die Stadt hat ein Double, sie kommt und geht hinter den Fensterscheiben der Geschäfte, da sind Frauen, die ihre Kinder vor sich herschiebend vorübergehen, und Frauen, die bleiben, bewegungslos, in ihren Rollen als Schaufensterpuppen.

Ich gehe. Wohin gehe ich? Ich war schon in dieser Stadt, ich erkenne sie an ihrer Auslage eines Blumengeschäfts, Eglantine Fleurs, es ist Paris, Paris läuft vor mir her, geht in ein Café, es scheint mir, als hätte ich es schon einmal gesehen, in Algerien. "Ich war in der sechsten Klasse" (mit elf Jahren ist man in Frankreich in der sechsten Klasse, Anmerkung der Übersetzerin), sagt der Mann am Tisch, der algerische Mann aus Paris, er trägt Brillen, die zwei anderen Männer tragen auch Brillen, alle sind wir in der sechsten Klasse gewesen, wir sehen hinter unseren Brillen zu, wie das Leben vorübergeht.

Ruth sieht die Welt hinter der vorderen Windschutzbrille des Autos an. Jedes Mal wenn sie sich (zur Welt) dreht, geht vor ihr die Glasscheibe eines Visiers auf, ein zarter gleichmäßiger Regen wischt über die Scheibe, die Welt ist feucht, glänzend, getrennt von unserem Gesicht durch einen halbtransparenten Vorhang aus Regen.

Ich gehe. So ist das Leben. Manchmal habe ich den Eindruck, dass dieses Gehen nicht weitergeht, zurückkommt. Das ist es: Ich komme zurück. Alles kommt wieder. Die STADT kommt wieder zurück. Jedes Mal wenn sie wiederkehrt, ist SIE es und ist es eine andere. Das ist mir vertraut, diese immer neubegonnene Fremdheit. Es ist wie in Gérard de Nervals Reisen, wo der durchmessene Raum in die Zeit der Wiederkehr gemeißelt ist.

Die dreizehnte STADT kommt zurück, es ist wieder Paris, und es ist immer noch Wien. Es gibt nur eine STADT, in die ich komme, in der ich dahin komme, mich zu verirren, mich zu verlieren, ich schlendere herum, ich starre ihr ins Gesicht, nie ist sie mir so fremd vorgekommen. Diese Fremdheit habe ich schon einmal gespürt, sie ist mir vertraut, sie ist der Augenblick, in dem die Landschaft ihr Gesicht dreht und wendet und Paris zu Kairo wird, ich nehme die Rue d'Alexandrie, einmal Umdrehen, und es ist die Weinlaube Jerusalems.

Der Film dreht sich nach allen Richtungen und in jedem Sinn, gleitet, sieht sich zu, nimmt sich beim Wort. Die Frau unter der Weinlaube sagt: Ohne die großartige arabische Kultur hätte es die europäische Renaissance nicht gegeben. Sie schreit das auf Hebräisch, jenseits von Ideologie. Das Wetter ist schön. In der nächsten Einstellung ist das Wetter schön.

Der Film dreht sich um, wird in die entgegengesetzte Richtung gedreht. Vor dem Stephansdom in Wien hat die europäische "Renaissance" jetzt die Züge der FPÖ. Eine dichte Masse ruft im Sprechchor auf dem Platz ihren Traum: Wir sind die Bürger, die Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit wollen. S.O.S. Hilfe, Thomas Bernhard, sage ich mir. Aber all diese Bürger des "Ordens der SEIFE", wie elend arm und beschwert sie wirken. Auch sie sind im Exil. Exiliert aus dem gesunden Menschenverstand und der Mitmenschlichkeit.

In diesem Traum einer Reise, was habe ich gesehen? Ich war wie in einem Film, welcher gemäß der zweifachen Traumtechnik aus Verdichtung und Verschiebung Gestalt annimmt. Ich irrte umher in Windeseile, davongetragen von der Metonymie, ständig suchte ich zu verstehen, wo ich war, ich suchte zu entziffern, die Wegweiser auf den Straßen, aber ich war zu weit weg, und wir fuhren zu schnell.

Ich war auf einer engen Stiege, ich war vor einer hohen Gitterwand, ich war vielleicht in Aarhus oder in Phoenix, Phoenix war vielleicht in Arizona oder in Phönizien, überall sprach man von Gefangennahme und Freilassung. Zufällig aufgegriffen sind die Menschen alle am Rand, am Rande des Meeres, am Rande des Aussterbens, des Todes, sogar die Minigolfanlagen sind am Rand, am Rande der Auferstehung, die Gedanken durcheilen die Welt wie Flüchtlinge.

Eine schwere Frau, die einen Hund trägt, überquerte die Gleise eines Bahnhofs. Es war Sommer. Ein kleines Mädchen grub ein Loch in den Sand. Vielleicht war es ein Sommer von vor 1939 oder nach 2001. Der Sand war unverändert geblieben. Das kleine Mädchen stellte dieselbe Frage - "Mädchen oder Bub oder Mädchen und Bub?" Der Satz durchquerte die Zeit auf Italienisch. Die Arbeiterin zarten Profils, im Textilatelier, kam aus einer Menschenmenge gemalt von Carpaccio wieder. Da nahm ein Auto die Straße nach Porubnoye, dessen Namen ich noch nie begegnet war. Das Schild sprach Kyrillisch. War ich in der Ukraine? In Russland? Bis wohin? Bis wann?

Ich verstand, dass ich in einem Labyrinth war, doch ohne Faden. Das ist es, was da auf mich zukommt: Ich erfahre das Labyrinth dieses Jahrhunderts 21, es ist nicht das Labyrinth des Daedalus und Ikarus, nicht das Ariadnes und Theseus'. Ich möchte telefonieren, meinen Freund fragen, wo ich bin, wo er ist, wo wir sind, aber wie man seit Freud weiß, ist in den gefilmten Träumen das portable Telefon kaputt, man hat die Nummer nicht mehr, ja das ist sogar das Gesetz des gefilmten Traums: Frag nicht, wo du bist. Sagte ich dir: Du bist in Czernowitz, wärst du augenblicklich in Italien in Prato.

Es gibt nur eine STADT, und die heißt LABYRINTH. Wenn du auf der Straße bist, geht alle Welt an dir vorbei mit einem Telefon am Ohr und bleibt nicht stehen. Die Menschen sind woanders. Das Labyrinth ist weltweit. Es ist von Grenznähten durchwirkt, aber die Grenzen, sogar wenn eine an ein elektronisches Gefängnis erinnert, verhindern das Entstehen der Menschenmischungen nicht. Plötzlich spricht ein Chor aus Schildern das Italienische chinesisch. Irgendwo zwischen Österreich-Syrien und Palästinisrael gibt uns eine denkende Person einen Schlüssel zur Menschheit 21: Unsere heutige Spezies zeichnet sich durch eine provisorische Staatsbürgerschaft aus. Man ist Inhaber einer "temporary ID for an illimited period". Ein zeitbegrenzter Pass auf unbegrenzte Zeit. Das hat erschreckenden Zauber, als wären wir die Bewohner einer Zeit, die unter unberechenbarem Vertrag steht. Man muss laufen, um auf einem Stück Erde zu bleiben. Wie in c.

Ein Frauenschatten im Regenmantel bewegt sich über gespenstische Gehsteige, die Geisterstraße ist lang, und voilà alles, was von Buenos Aires in diesem Filmtraum übrigbleibt, ein Schatten auf einem Schatten, aber natürlich weiß niemand, dass diese Bilder, die zügig über die Leinwand krabbeln, in Buenos Aires aufgenommen sind, nur der Abspann zum Schluss würde es einem Archäologen erlauben, diese Spur auszulegen, aber da ist niemand, den Abspann zu entschlüsseln. Als der Horizont meines Blickfelds sich mit einem Riesenteig aus Textil füllt, als der Bildschirm die Tuchrollen flächiger Ozeanfarbe aufrollt, als ergösse sich das Becken der Welt in gewobenen Fluten, verstehe ich nicht, was da auf mich einstürzt, ich bin wie eine von Kafkas Mäusen, die ein Niagara aus Text auf sich zustürzen sieht.

Im Bauch des Wals

Prato lebt von und stirbt am Textil. Prato ist ein reißender Strom aus Text, der zwanzig Kilometer von Florenz entfernt fließt. Ich weiß das nicht. Unter der Flut aus gekämmter Baumwolle bin ich wie Jonas im WALFISCH. Ich bin drunter, drinnen, am Grund der Unwissenheit und Illusion. Wie alle Welt. So wie die bestürzten Träumer unter dem Traum sprachlos verharren, hin- und hergerollt zusammengerollt auf dem Diwan der Berggasse 19 ausgestreckt, während Prof. Dr. Freud sie dazu bewegt, die Spur zu denken.

Vor lauter Nachgrübeln ahne ich schlussendlich, dass diese kurzen stürmischen Fresken, mit denen das Labyrinth ausgekleidet ist, nicht unsinnig sind. Sie murmeln beständig: "Höre uns, gib uns die Sprache zurück, wir, die Spuren, wir sind wie die Ruinen der Synagoge von Czernowitz, wir haben nicht vergessen. Ihr geht, und wir bleiben. Wir sind der Beweis dafür, dass, was verloren, nicht verloren ist und die Toten noch leben."

Dieser Labyrinthfilm kennt weder Tod noch Verneinung noch Widerspruch. Im Labyrinth ist immer heute, nichts ist entschieden, die beiden reisenden Migranten auf Transit leben für immer zwischen Mineo und Catania und träumen von einer Starkarriere bei Juventus, sie sind unterwegs auf der Straße zwischen den Zeiten. Und Elfriede Gerstl, die glauben könnte, schon vor etlichen Jahren gestorben zu sein, während sie sich aufmacht, sich nach ihrem Tag des Schreibens ein Schmuckerl zu kaufen? Sie hat den Lauf ihres Lebens so gezeichnet wie der Film: Wien- Jerusalem aller-retour. Ich weiß nichts von der Vergangenheit und der Zukunft Elfriedes, der Poetin, noch von Good Luck, dem Fußballchampion, sie sagen nur ein paar Worte, so lebendig, so mit Verlangen angefüllt, dass mir ist, als hätte ich sie schon immer gekannt. So ist das Leben: ein paar kurze Augenblicke JA zur Fügung, und dann geht man ein in die Textrolle der Menschheit. Allerretourhinundzurück. Action!

Ein einziges Wesen wird ein bisschen länger das Wort behalten haben als all die Passanten, der Mann mit der schwarzen Brille, der exilbedingt an eine Straßenkreuzung von Czernowitz geworfen wurde und bewegungslos an dem Ort verharrte, dem er zugefallen war, daselbst lehrend 43 Jahre lang, ohne je die schwarzen Brillen abzunehmen, hinter denen seine Augen unentschlüsselbar bleiben. Man kann ihn nicht lesen! Das ist der Mann, der nicht davonläuft, der wachhält und weitergibt. Eine Art jüdischer Teiresias, der die Schranken der Welt gesehen hat und nicht versucht, sich zu befreien. Für ihn gibt es kein Anderswo. Die Ausgangstür, wenn da eine wäre, führte in ein anderes Eingeschlossensein.

Wüsste ich, dass dieser Seher Zwilling heißt, so würde ich diesen Signifikanten für ein Augenzwinkern des Schicksals halten. Ich würde fragen, wo der andere Zwilling ist. Aber ich weiß es nicht. Ich bin im Labyrinth. Aus dem Schicksal führt kein Weg heraus. Was bringt uns dazu, dass wir laufen, dass wir versuchen die Gitter zu überqueren, die Abgründe, dass wir hoffen glauben anzukommen wo? Da ist ein Kind in uns, in einem mythischen Wagon sitzend, ganz allein, das sich von Ruth Beckermanns Film davontragen lässt, so als wäre es an Bord des Orient-Express. Hélène Cixous, 30. März 2014

(Album, DER STANDARD, 19./20./21.4.2014)

Hélène Cixous (geb. 1937 in Oran, Algerien) ist eine französische Schriftstellerin. Die Mutter, in Deutschland geboren, stammt aus einer aschkenasischen Familie, die Familie des Vaters, der früh verstarb, ist sephardisch. 1955 Auswanderung nach Frankreich, wo sie 1959 ein Studium der englischen Literatur abschloss. Sie lehrte zunächst in Bordeaux und wurde 1965 als Professorin an die Sorbonne nach Paris berufen. Sie ist Mitbegründerin des alternativen Studienzentrums in Vincennes bei Paris, wo sie lehrt und 1974 ein Zentrum für Weibliche Studien ins Leben rief - das erste seiner Art in Europa. Ihr Werk umfasst theoretische Schriften, Romane, Theaterstücke und Dichtungen. Zentrale Themen ihrer sich an der Sprache abarbeitenden und mit der Sprache spielenden Schriften sind Identität, Erinnerung und Weiblichkeit. Hélène Cixous lebt in Paris.

Ruth Beckermanns Film "Those Who Go Those Who Stay" läuft unter anderem im Kino De France in Wien.

  • "Zufällig aufgegriffen sind die Menschen alle am Rand, am Rande des Meeres, am Rande des Aussterbens, des Todes, am Rande der Auferstehung, die Gedanken durcheilen die Welt wie Flüchtlinge": Hélène Cixous.
    foto: filmstill aus "those who go those who stay", viennale

    "Zufällig aufgegriffen sind die Menschen alle am Rand, am Rande des Meeres, am Rande des Aussterbens, des Todes, am Rande der Auferstehung, die Gedanken durcheilen die Welt wie Flüchtlinge": Hélène Cixous.

  • Ohne Faden in einem Labyrinth: Hélène Cixous auf einer 2014 in Wien entstandenen Aufnahme.
    foto: andy urban

    Ohne Faden in einem Labyrinth: Hélène Cixous auf einer 2014 in Wien entstandenen Aufnahme.

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