Manfred Rebhandl: Hilft manchmal nur noch Beten?

20. April 2014, 09:00
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"Ich stehe mit Herrn Malik in der Sonne, freue mich über den schönen Tag, der schwarz bleibt für ihn, er wird kein Licht mehr sehen. Protokoll einer Leidensgeschichte

Ich komme die Rolltreppe hinauf, U3-Station Schweglerstraße, Aufgang Märzstraße, 15. Bezirk, ein sonniger Vormittag, ein strahlender Sonntag, zehn Uhr. Der Bäcker gegenüber hat jetzt auch sonntags geöffnet, dort will ich mir ein Salzstangerl kaufen, aber Herr Ilyas Malik, der am 17. Februar 75 Jahre alt wurde, obwohl in seinen Dokumenten steht, dass er drei Jahre jünger ist, steht vorn an der Märzstraße bei den Straßenbahnstationen 49 und 9. Ich kenne ihn und will ihn vorher noch kurz begrüßen.

Herr Malik kam vor 30 Jahren aus Lahore in Pakistan, einem der gefährlichsten Länder der Welt, nach Wien in Österreich, der Stadt mit der höchsten Lebensqualität, alles immer sauber, alle immer pünktlich, aber was heißt das für einen wie Herrn Malik?

Seine Frau und seine beiden Kinder hat er nie mehr gesehen, nachdem er sein Land verließ, er telefoniert mit ihnen, hin und wieder, ein Freund hatte einen Computer, darauf sah er ihre Fotos, manchmal. Herr Malik verkaufte die Kronen Zeitung und den Kurier für die Mediaprint, jeden Morgen in Wien-Fünfhaus und jeden Abend in Wien-Meidling. Was er dabei verdiente, das schickte er nach Hause, er selbst besitzt nichts außer seinen Dokumenten.

Irgendwann wurde Herr Malik Österreicher, und Österreich wurde sein zu Hause, das trägt er nun immer bei sich: den Staatsbürgerschaftsnachweis, die Pensionszuerkennung und den Meldezettel, der ihn zum Bürger der Stadt mit der höchsten Lebensqualität macht. Herr Malik ist stolz, Österreicher zu sein. Aber er wirkt verwirrt und hilflos inmitten dieser Stadt, als ich ihn treffe. Er umklammert mit beiden Händen einen Straßenpoller, als wäre der sein Anker. Er redet gerade mit einem Mann, der sich von ihm abwendet, ich gehe zu ihm hin, begrüße ihn, aber sein Blick findet mich nicht, er schaut weit an mir vorbei.

Als ich hierher in die Gegend zog, vor 15 Jahren, da wohnte er im Pfarrhof in der Pouthongasse, von dem katholischen Pfarrer dort sagt der Muslim Malik, dass er ein guter Mann ist. Aber vor einem Jahr bekam er eine eigene Wohnung weit draußen im 14. Bezirk, auf Höhe der Station Baumgarten, dort wollte er nicht hin, denn hier um die Schweglerstraße war ja sein Zuhause.

Es ist ein sonniger Vormittag, der erste Frühlingstag, die Menschen haben Pläne, sie werden Ausflüge machen, Skirennen schauen, facebooken oder in den Park und ins Kino gehen oder zu den Verwandten fahren, aber was macht Herr Malik?

Ich freue mich, ihn zu sehen, will ihm die Hand geben, aber er greift nicht danach. Die freudige Routine unserer unregelmäßigen Begegnungen der letzten Jahre ist unterbrochen, ich denke: Was ist mit ihm?

Was ist mit ihm?

Die Jahre gingen an ihm vorbei, die Jahrzehnte. Seine Ehe blieb bestehen, seine Frau bekam Krebs, vor Weihnachten. Als ich ihn das letzte Mal sah, erzählte er mir davon, sie wurde gerade zweimal operiert, bald wird sie sterben, den Kindern geht es gut. Einmal in diesen langen Jahren, fern von seiner Familie, von seiner Frau, den Kindern und der Enkelin, die so alt ist wie meine Tochter, glaubte ich herauszuhören, dass Herr Malik in eine Österreicherin verliebt war. Aber die fuhr dann nach Ägypten in den Urlaub und heiratete einen von dort. Wie das so ist mit großen Enttäuschungen: Man kommt schwer darüber hinweg, die Stimme bricht, wenn man davon erzählt, die Augen tränen. Ich denke mir, als ich ihn treffe: Seine Augen, was ist mit seinen Augen?

Ich greife nach seiner Hand, sage ihm, wer ich bin, und zögernd fragt er: "Ah, mein Freund?" Er lächelt, aber er schaut mich nicht an dabei, nicht wie früher, ich frage ihn, wie es ihm geht, er sagt: "Ich bin blind."

Herr Malik hatte Stammkunden im Café Lorentz neben der U-Bahn-Station, wo ich oft saß, die freuten sich über die Kronen Zeitung, aber nicht über ihn. Er ertrug es, wie er alles ertrug, den Staub, die Kälte, die Hitze, das Fernsein von der Familie, er lächelte immer, bald sagte er "Mein Freund" zu mir, wenn wir uns trafen, ein Mann, so alt wie mein Vater, aus Lahore in Pakistan, vor 30 Jahren nach Wien gekommen.

Wenn er außer Dienst war, dann trug er die immer gleiche blaue Trainingshose und einen alten Wollpullover, egal, wie kalt oder warm es war. Aber es musste schon sehr warm sein, damit er auf seine Pelzmütze mit Ohrenschützern verzichtete. Beim Hofer in der Hütteldorfer Straße kaufte er für eine 98-jährige Frau ein, brachte ihr die Sachen nach Hause, das war eine Aufgabe, für die er dankbar war, eine Lebensaufgabe, bis sie starb.

Die Krone kaufte ich nie bei ihm, aber immer wieder gab ich ihm zwei Euro, fünf Euro, dann sagte er: "Danke, mein Freund, danke für so viel helfen." Wenn meine Tochter, die so alt ist wie seine Enkelin, dabei war und mich fragte, wer das ist, dann sagte ich ihr: Das ist der Herr Ylias, und dass man solchen wie ihm immer helfen muss, wenn man selbst helfen kann, und wenn nicht, dann muss man ihn zumindest freundlich grüßen.

"Hast du mich verstanden?" - "Ja."

Herr Malik trägt keinen Stock, keine Armbinde, als ich ihn treffe, obwohl er seit zwei Monaten blind ist, und nun klammert er sich nicht mehr an den Poller, nun klammert er sich an mich. Ich stehe hier mit ihm in der Sonne, die er nicht sieht, freue mich über den schönen hellen Tag, der schwarz bleibt für ihn, er wird keinen Frühling mehr sehen, keine Sonne und kein Licht. Der Zucker hat ihm die Augen ruiniert, keine Chance, sagt der Doktor. Irgendwann im Herbst fing es an, erzählt er mir, es wurde nicht mehr richtig hell, es blieb immer öfter dunkel.

Und jetzt? Er ist auf dem Weg zum Westbahnhof eine Monatskarte kaufen, sagt er, ohne Blindenstock, ohne Binde, umgeben von Dunkelheit und den Menschen der Stadt mit der höchsten Lebensqualität, er sagt: "Bitte helfen Sie mir."

Herr Malik war an diesem Sonntag, erster schöner Frühlingstag, mit der Straßenbahnlinie 49 von der Station Baumgarten im 14. Bezirk zur Station Schweglerstraße gekommen, allein. Er brauchte zwei Stunden für die zehn Stationen, von seiner Wohnung bis zur Haltestelle brauchte er eineinhalb, drei Stiegen, drei zu querende Straßen, sieben Leute haben ihm geholfen, sagt er, aber: "Nicht alle Leute helfen, viele Leute sagen: muss arbeiten."

Ich hatte Zeit, es war Sonntag, keine Arbeit. Ich bot ihm meinen Arm, er hakte sich ein, ich schlug ihm statt der Straßenbahn die U-Bahn vor. Aber die paar Meter zur Rolltreppe: unsicher, die rechte Hand beständig ins Leere greifend, die Schritte ganz klein. Der schwarze Gummi der Rolltreppe, nach dem er griff, war seine Rettung, eine von vielen jeden Tag, wenn er es endlich schaffte, sich zu orientieren. Dann stand er gerade, sein Blick nach vorn gerichtet, dorthin, wo er nichts sah.

Beim Ticketschalter am Westbahnhof holte er drei Fünfer aus einer Hosentasche und aus der anderen die Münzen, er ließ sich von der Schalterbeamtin die fehlenden 90 Cent abzählen und die Karte ausfüllen, er sagt "Bitte, danke", das Lächeln der Frau sah er nicht.

"Danke für so viel helfen"

Es war fast 11 Uhr, er hatte seine Karte, und ich hatte Zeit. Wir schafften es zurück in den 49er, er saß beim Fenster, und wenn er die einfallende Sonne spürte, dann lächelte er. Er erzählte mir, ohne Bitterkeit, wie oft er hinfällt, wie oft er sich verletzt. Ich frage ihn, ob ihn jemand besucht, ob er jemanden kennt? Er schüttelte den Kopf, aber dreimal in der Woche kommt die Heimhilfe zu Herrn Ylias Malik aus Lahore in Pakistan, der am 17. März 75 Jahre alt wurde, obwohl in seinen Dokumenten steht, dass er drei Jahre jünger ist.

Die Wohnung liegt ebenerdig, immerhin. Sie hat 37 m2, die Vorhänge sind zu, das Licht an, aber er merkt es nicht, er ist ja blind. Er sieht nicht mehr den Raum mit dem Tisch in der Mitte, den zwei Sesseln und dem Bett in der Ecke, das wie ein Kinderbett wirkt, er tastet, er greift, er spürt, er stößt an, und er sagt: "Danke für so viel helfen."

Es war 13 Uhr, als ich ging, ein strahlender Sonntag, erster Frühlingstag in Wien. Ich fragte ihn, was er heute noch machen würde, den langen Sonntagnachmittag vor sich, die lange Sonntagnacht, und dann noch ein restliches Leben ohne Licht, und Herr Ylias Malik sagte: "Beten." (Manfred Rebhandl, Album, DER STANDARD, 19./20./21.4.2014)

Manfred Rebhandl, geboren 1966 in Oberösterreich, lebt in Wien. Seit 1995 ist er als freier Autor von diversen Drehbüchern für Film und Fernsehen tätig. Zuletzt erschien „In der Hölle ist  für alle Platz" (Czernin). Für seinen Kriminalroman "Das Schwert des Ostens" (ebenfalls Czernin) wurde er 2012 mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichnet. Rebhandl liest am 26.4. um 18 Uhr im Rahmen der Veranstaltung "A Mörda Frühling" im Schauspielhaus Wien.

  • "Der Zucker hat Herrn Malik die Augen ruiniert, keine Chance, sagt der Doktor. Irgendwann im Herbst fing es an, erzählt er mir, es wurde nicht mehr richtig hell, es wurde immer dunkler."
    foto: heribert corn

    "Der Zucker hat Herrn Malik die Augen ruiniert, keine Chance, sagt der Doktor. Irgendwann im Herbst fing es an, erzählt er mir, es wurde nicht mehr richtig hell, es wurde immer dunkler."

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