Wir und unsere Muster

21. April 2014, 16:59
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Wir sind so, wie wir uns "erlernt" haben: Unser Gehirn erzeugt Muster und filtert Muster, von frühester Kindheit an. Der mächtige Sinn dahinter ist ein Überlebensprogramm

Tsunamis von Gesundheitsratgebern und Heerscharen von Expertinnen und Experten überfluten unsere Gehirne seit Jahren. Wir wissen also recht gut, wie "gesund" geht, oder glauben es zumindest.

Trotzdem scheint es für viele Menschen unmöglich, ihre Verhaltensweisen nachhaltig auf gesünder umzustellen. Und selbst wenn wir damit beginnen, plumpsen wir bald wieder in die gewohnten Muster.

Aber was sind denn diese Muster überhaupt, und wo können wir sie denn finden? Das menschliche Gehirn ist auf Mustererkennung ausgerichtet. Der Sinn dahinter ist, dass uns dadurch die Möglichkeit gegeben ist, wichtige Prozesse der Wahrnehmung, der Verrechnung und der daraus resultierenden Handlungen im Unbewussten ablaufen zu lassen. Quasi in unserem Autopiloten.

Muster werden von Geburt an aufgebaut

Der ist wesentlich schneller und effizienter, als unser Bewusstsein das je könnte. Also beginnen wir spätestens von Geburt an, solche Muster aufzubauen. Die Menschen, die uns in dieser Zeit begleiten, prägen unsere Muster, wir orientieren uns an unseren Eltern, Großeltern, allen Menschen, die uns irgendwie beeindrucken, wichtig sind. Deren Muster färben auf uns ab. Kinder haben in den ersten Lebensjahren kaum eine ausgeprägte Urteilsfähigkeit darüber, ob die Einstellung des Vaters zu bestimmten Vorkommnissen, die Verhaltensweise der Mutter in bestimmten Situationen, die Kommentare von anderen Bezugspersonen zu bestimmten Geschehen richtig sind oder falsch.

Wir übernehmen sie einfach und lernen sie damit. Wir wissen nicht, was wir alles im Unbewussten gelernt haben, können es aber mit fortschreitender Zeit immer besser. Wir sind also "die anderen". Selbst unsere Wahrnehmung hängt von erlernten Mustern ab. Wir sehen, was wir erwarten, nicht, was ist. Selbst wenn meine Augen alle Informationen aufnehmen, verwendet das Gehirn nur einen kleinen Teil davon (manchmal nur neun Prozent). Der "Rest" wird durch Annahmen und Einstellungen und Erfahrungen ergänzt.

Zum Überleben notwendig

Der mächtige Sinn dahinter ist ein Überlebensprogramm, das uns in die Lage versetzt, eventuelle Gefährdungen raschest zu erkennen. Selbst bei völlig neutralen Mustern schaffen wir es, nach einer Weile doch welche zu erkennen. Und wenn wir dieses Muster einmal erkannt haben, dann bleibt es uns erhalten. Diese Mustersteuerung ist also ein wesentlicher Teil des menschlichen Ich.

Wo also haben wir gelernt, wie Gesundheit "geht"? Nun, zunächst einmal in unserer Familie. Und dann haben wir es weiter geübt, entweder die Originalversion oder das versuchte Gegenteil.

Die Ausgangssituation ist ständig im Hintergrund dabei. Es ist ähnlich dem Erlernen des Autofahrens, eines Gedichts. Unser Gehirn lernt ständig, trennt Wichtiges von Unwichtigem, immer sowohl als Musterfilter als auch als Mustererzeuger.

Wir sind also so, wie wir uns "erlernt" haben oder uns erlernen mussten. Müssen aber so nicht bleiben, denn alles Erlernte kann umgelernt werden. Aber nicht durch Erkennen, Wissen oder Wollen alleine. Sonst würden die Neujahrsvorsätze ja funktionieren. (Johann Beran, DER STANDARD, 19./20./21.4.2014)

Johann Beran ist klinscher und Neuropsychologe, Arbeitspsychologe ind internationaler Organisationsbehandler.
Sesam Consulting

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