Kölner Spatzen und deutsche Tauben

18. April 2014, 17:26
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Bilanz zur 48. Auflage der Art-Cologne-Messe: Der gut genährte (50.000 Euro) Spatz in der Hand bleibt das für Köln passende Wappentier

Im Jahr der 48. Ausgabe der Kölner Art Cologne, einer Kunstmessen-Legende auf dem mittelfristigen Weg zur flexiblen Altersgrenze, versuchte man es selbstbewusst und zuversichtlich gleichsam mit der Taube auf dem Dach. Was heißen soll: ein Gemälde von Franz Marc (Die Angst des Hasen, 1912) für fast zehn Millionen Euro zum 50. Jubiläum der Galerie Thomas aus München - allerdings als One-Hit-Diva platziert in einer vermutlich von Rosen-Resi (grauenvoll) gestalteten Koje.

Andernorts Philip Guston (1,65 Mio. Dollar) bei Aurel Scheibler oder Georg Baselitz' Kleine Schwester von 1987 für 1,2 Millionen Euro. Beim New Yorker Top-Galeristen David Zwirner, Sohn des Art-Cologne-Mitbegründers Rudolf Zwirner, hätte sich Neo Rauchs grüne monumentale Brandung (2013) für 1,1 Millionen Euro bändigen lassen.

Hochpreisige Mutmacher

Dass es sich hierbei selbstredend um gefällige Eyecatcher, hochpreisige Mutmacher und den strategischen Testosteron-Schub für einen Messeort auf dem eingeschlagenen Qualitätsweg in eine wohl eher gediegene Zukunft handelte, steht außer Frage.

Zeitlich zwischen den wichtigen Messeterminen in Maastricht (Tefaf, März) und Basel (Art Basel, 19.-22. 6. 2014) platziert, bleibt Köln gar nichts anderes als der solide deutsche Kunsthandelsplatz, traditionell ausgestattet mit einer verlässlichen Sammlerschaft, die mehr mit den Augen kauft, als über spekulative Einflüsterungen investiert. Jene eher internationale Kundschaft wird daher ihr Geld in Köln nur sehr selektiv ausgeben können. Denn das realistisch verkaufbare Angebot endet am Rhein irgendwo zwischen 50.000 und 100.000 Euro. Der gut genährte Spatz in der Hand bleibt also wohl doch das für Köln passende Wappentier.

Was David Juda (London), Michael Beck (Düsseldorf) und Thomas Salis (Salzburg) zum Messeausklang, dabei nicht unzufrieden, betonten. Salis machte Art-Cologne-Chef Daniel Hug für die enorm gestiegene Kunstmarkt-Wahrnehmung dieser Veranstaltung verantwortlich. Hinzu komme eine spannende, inzwischen gut funktionierende Symbiose aus zeitgenössischen Offerten und dem klassisch modernen Segment vor und nach 1945.

Keine Frage, das Berliner Art Forum (24.-28. 9. 2014) wurde von Köln überlebt, und auch angesichts der noch heranwachsenden Art Karlsruhe (März) und einer derzeit rührigen wie angesichts der zahlreichen Herbstformate unübersichtlichen Münchner Kunstmessen-Szene, die potente süddeutsche Sammler abschöpfen will, ist Köln (wieder) derzeit Deutschlands wichtigster Kunstmarkt. Image und Niveau, nicht zuletzt auch Möglichkeiten, bezahlbare Kunst zu entdecken, locken nicht zuletzt auch eine jüngere Sammlerschaft. Die Arbeiten von Marianne Eigenheer aus den 80er-Jahren (4000 Euro) beim Düsseldorfer Bugdahn & Kaimer lieferten da etwa Kaufanreize.

Michael Schultz aus Berlin, lange nicht dabei und wegen seiner deutlichen Art-Cologne-Kritik in schwieriger Zeit einst auch nicht unbedingt willkommen, vermeldete den Verkauf einer marktfrischen zwölfteiligen Baselitz-Aquarellmappe (250.000) und einer Arbeit Gerhard Richters (700.000) in eine belgische Privatsammlung. Wobei, Spontankäufe waren dies vermutlich nicht.

Immerhin attestierte auch Schultz der Art Cologne aktuell eine enorme Qualitätssteigerung. Und die 221 Galerien aus inzwischen immerhin 25 Ländern belegten dies - überwiegend.

Mit zumindest 10.000 Euro mehr in der Tasche trat jedenfalls Rosemarie Schwarzwälder (Galerie Nächst St. Stephan) ihre Heimreise an. Der gebürtigen Schweizerin, ehemaligen Journalistin und seit 1987 anerkannten Galeristin war der Art-Cologne-Preis verliehen worden. (Roland Gross, Album, DER STANDARD, 19./20./21.4.2014)

  • Ai Weiweis Installation im Entree: ein Blumenstrauß für jeden Tag, an dem der mit Reiseverbot belegte seinen Pass nicht bekommt.
    foto: kölnmesse

    Ai Weiweis Installation im Entree: ein Blumenstrauß für jeden Tag, an dem der mit Reiseverbot belegte seinen Pass nicht bekommt.

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