Bad Vöslau: Beethoven für bremsfreudige Biker

18. April 2014, 17:01
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Eine Mountainbiketour bei Bad Vöslau ist wie eine Symphonie aus schöner Natur, Musik- und Erdgeschichte

Der Moment ist gekommen, auf den manche Radler schon ein ganzes halbes Jahr gewartet haben: die erste Ausfahrt im Frühling. Eine ideale Arena dafür finden Mountainbiker am Harzberg bei Bad Vöslau. Aber immer schön piano! Nur den Bremsfreudigen gehören hier die Sympathien, weil ihnen Zeit zum Schauen bleibt: in die Landschaft und auf Wanderer, mit denen sie die Wege teilen.

Aufgesattelt wird beim "Waldtennis"-Platz Bad Vöslau am Rande des Kurparks. Die ersten Pedaltritte führen in einen lauschigen Wald, wo vor allem Pechföhren, also Schwarzkiefern, gedeihen. Diese Bäume können bis zu 800 Jahre alt werden und spielten wegen ihres hohen Harzgehalts früher eine wichtige Rolle in der Pechherstellung - von daher auch der Name des Berges, dem wir uns nun nähern.

Die Runde am Harzberg ist aber noch aus einem weiteren Grund interessant: Die Erde lässt hier tief in ihr geologisches Inneres blicken. Wer vom Rad absteigt und ein paar Meter abseits des Wegs zum beeindruckenden Harzberg-Steinbruch marschiert, wird eine Felswand entdecken, die wie in einem Bilderbuch unterschiedliche Erscheinungsformen von gewaltigen Verschiebungen in der Erdkruste zeigt.

Kurz nach dem Steinbruch geht es vom breiten Forstweg auf einen kurzen wilden Waldparcours, und es beginnt die beschaulichste Etappe dieser Tour: die Promenade auf der Merkensteiner Straße durch eine Wein- und Föhrenlandschaft nördlich von Großau.

Auf dem Weg zur Neunten

Genau diese Wege durch sanfte Hügelwellen haben bekanntermaßen auch Ludwig van Beethoven inspiriert. Immer wieder war der Bonner Komponist hier unterwegs, besonders häufig im Jahr 1823, als er am letzten Satz seiner Neunten Symphonie arbeitete.

In Anlehnung an Beethovens Neunte ist auf einem Rastplatz ein Gedicht des österreichischen Sängers, Autors und Regisseurs Kurt Dichtl-Jörgenreuth (1923-2009) zu lesen: "Sieh' das Land in Schönheit prunken! Waldgebirge sich erheben über Hügeln, reich an Reben. Glück allein schon hier zu leben, allen Wundern hingegeben: Freude, schöner Götterfunken!" Daran ist wiederum recht unschwer abzulesen, wie sehr der Autor diese Landschaft und Beethoven verehrte.

Nach gut 15 Minuten Fahrt verabschiedet sich der omnipräsente Begleiter Beethoven wieder, und das Idyll nimmt sein jähes Ende in dichtem Föhrenwald. Eine Forststraße leitet uns nun durch das Manhartstal und den Kalkgraben bis zu den Gefilden des sogenannten Kalten Berges hinauf, wo der abenteuerlichste und forderndste Abschnitt der Tour folgt: ein stellenweise sehr selektiver Pfad auf dem Kamm zum Sooßer Lindkogel - mit Sicherheit einer der rassigsten Trails im Wienerwald!

Rechter Winkel in den Wald

Sobald wir auf Schotter stoßen, rollen wir wieder gemütlicher dahin und über den Manhartsberg in Richtung Sooß. Im Bereich der sogenannten Lukanauern, knapp vor Sooß, heißt es dann aufpassen: Der Weg biegt hier recht unerwartet im 90-Grad-Winkel nach rechts in den Wald ab.

Auch der nun folgende Waldtrail sorgt für einen netten Rodeoritt, der am Ende in engen und selektiven Serpentinen zum gemauerten Marterl der Waldandacht hinunterführt. Gleich danach heißt es wieder runterschalten, um die eben verlorenen Höhenmeter zurückzugewinnen.

Beim Restaurant am Harzberg (466 m) ist das Gröbste geschafft. Erst einmal absteigen und durchatmen, denn es gilt Kräfte zu sammeln für den Harzbergturm. Wer hinaufsteigt, wird reich belohnt mit einem fulminanten Panorama über das Leithagebirge, das südliche Wiener Becken, den Schneeberg, Göller, Ötscher, Unterberg und Kieneck.

Nun ist ein letztes Mal Konzentration beim Betätigen der Bremsen gefragt: Es geht sehr steil bergab bis zur Harzbergstraße, die uns durch einen Wald zurück zum Ausgangspunkt führt. (Thomas Rambauske, DER STANDARD, Album, 19.4.2014)

  • Blick auf den Harzberg (466 Meter).

    Blick auf den Harzberg (466 Meter).

  • Der Harzberg hat seinen Namen von den Pechföhren, die hier wachsen.

    Der Harzberg hat seinen Namen von den Pechföhren, die hier wachsen.

  • Anreise: Bahnhof Bad Vöslau, von hier per Bus 361, oder in 15 Minuten zum "Waldtennis" Bad Vöslau (Waldwiese 8, Kurpark)
Route: Waldtennis - (Harzberg- Steinbruch) - Merkensteiner Straße - Manhartstal - Hauerberg - Sooßer Lindkogel - Die Lukanauern - Waldandacht - Harzberg (Restaurant, Jubiläumswarte, 466 m) - Waldtennis
Schwierigkeiten: Der steile Trail am Kamm zwischen Sooßer Lindkogel und Waldandacht kann bei oder nach Regenfällen zum Absitzen zwingen
Einkehr: Restaurant am Harzberg
Karte: Kompass WK 205 "Wien und Umgebung"
Literatur: Vom Autor ist gerade der Mountainbike-Führer "Mountainbiken rund um Wien" erschienen; Kral-Verlag, ISBN 978-3-99024-244-5, 224 Seiten, € 19,90
    grafik: der standard

    Anreise: Bahnhof Bad Vöslau, von hier per Bus 361, oder in 15 Minuten zum "Waldtennis" Bad Vöslau (Waldwiese 8, Kurpark)

    Route: Waldtennis - (Harzberg- Steinbruch) - Merkensteiner Straße - Manhartstal - Hauerberg - Sooßer Lindkogel - Die Lukanauern - Waldandacht - Harzberg (Restaurant, Jubiläumswarte, 466 m) - Waldtennis

    Schwierigkeiten: Der steile Trail am Kamm zwischen Sooßer Lindkogel und Waldandacht kann bei oder nach Regenfällen zum Absitzen zwingen

    Einkehr: Restaurant am Harzberg

    Karte: Kompass WK 205 "Wien und Umgebung"

    Literatur: Vom Autor ist gerade der Mountainbike-Führer "Mountainbiken rund um Wien" erschienen; Kral-Verlag, ISBN 978-3-99024-244-5, 224 Seiten, € 19,90

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