Zwölf Tote nach Lawine am Mount Everest

18. April 2014, 07:00
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Zwölf Sherpas gestorben, sieben Verletzte, weitere Vermisste

Kathmandu - Beim schwersten Unglück in der Geschichte des Mount Everest sind mindestens zwölf nepalesische Bergführer gestorben. Eine Lawine habe die Gruppe am frühen Freitagmorgen oberhalb des Basislagers auf dem höchsten Berg der Welt erfasst, sagte Dipendra Poudel vom Tourismusministerium. Sieben Bergsteiger seien verletzt worden. Ein Vertreter der Rettungsorganisation Himalayan Rescue Association sagte, die Zahl der Toten könne auf 14 steigen. Hubschrauber suchten nach weiteren Vermissten, auch Bergsteiger stiegen auf, um nach Überlebenden unter den Schneemassen zu suchen.

"Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen noch vermisst werden", sagte Poudel. Die meisten Opfer stammten demnach aus der Region rund um den Mount Everest und hatten Vorbereitungsarbeiten für die internationalen Expeditionen geleistet, die derzeit im Basislager auf 5.364 Meter auf den Aufstieg warten. Darunter sind auch drei Österreicher: der blinde Osttiroler Bergsteiger Andy Holzer sowie seine beiden Tiroler Begleiter Wolfgang Klocker und Daniel Kopp. Man packe gerade die Sachen für den Abstieg zusammen, teilte Holzer auf seinem Blog mit.

Das Unglück geschah gegen 6.45 Uhr (Ortszeit) im sogenannten Popcorn-Feld, das auf der Route zum tückischen Khumbu-Eisfall liegt. Zwei der Todesopfer gehörten zur Agentur Himalaya Climbing Guides Nepal, wie deren Verantwortlicher Bhim Paudel sagte. "Als unsere Sherpas das Basislager verlassen haben, hat es nicht geschneit, das Wetter war außergewöhnlich gut", sagte er. Vor dem Lawinenabgang hätten dutzende Sherpas anderer Agenturen diesen gefährlichen Streckenabschnitt passiert. "Wir dachten, wir folgen ihnen, wir haben keine Warnung erhalten."

Laut Messner "Arbeitsunfall"

Der erfahrene Extrembergsteiger Reinhold Messner sprach von einem "Arbeits- und keinem Bergsteigerunfall". "Die Menschen, die es getroffen hat, waren Straßenarbeiter, die die Laufpisten für Reiseveranstalter präparieren", sagte der Südtiroler im Gespräch mit der APA. 

Für Messner, der 1978 zusammen mit seinem Tiroler Begleiter Peter Habeler der Erste war, der den Everest ohne Sauerstoffgerät bestieg, war ein derartiges Unglück "in gewisser Weise vorhersehbar". Der sich in den vergangenen Jahren immer mehr steigernde "Bergsteiger-Tourismus" verlange immer besser präparierte Pisten, meinte er: "Und die Sherpas gehen das Risiko ein". Die Klienten der Reiseveranstalter nehmen im Vergleich dazu ein viel geringeres Risiko auf sich, kritisierte Messner.

"Getroffen hat es junge Familienväter"

Auch der Zeitpunkt sei erwartbar gewesen, denn im Frühjahr würden die Pisten für die "Bergsteigertouristen" vor Beginn der Klettersaison präpariert. Dort, wo die Pisten verlaufen, sei aber die Lawinengefahr am größten, erläuterte die Bergsteigerlegende: "Die Stelle ist links vom Eisabbruch. Dort eignet sich das Gelände zwar am besten, doch immer wieder brechen oberhalb Lawinen ab".

Dort würde in den Morgenstunden "eine ganze Kolonne" von Sherpas aufsteigen, um ihre Arbeit an der Wegpräparierung zu verrichten. Messner befürchtete noch mehr Todesopfer, als die vierzehn bis Freitagmittag bekannten. Normalerweise seien zu dieser Tageszeit bis zu 50 Sherpas in diesem Bereich unterwegs. "Die eigentliche Dimension wird sich wohl erst zeigen", sagte Messner.

"Getroffen hat es vor allem junge Familienväter, die davon leben", sagte Messner: "Daher sollten wir uns die Frage stellen, ob der Bergsteiger-Tourismus am Mount Everst unter diesen Umständen vertretbar ist".

Frühjahr als beste Zeit für Aufstieg

In jüngerer Zeit wurde der Everest vermehrt Ziel von Rekordjägern und "Halbschuhtouristen". Vergangenes Jahr erklommen 562 Menschen seinen Gipfel von nepalesischer Seite. Darunter waren erstmals Zwillingsschwestern und ein Mann ohne Hände. Künftig will die nepalesische Regierung Rekorden stärker Einhalt gebieten. Premieren wie die erste Hochzeit am Gipfel oder der erste Video-Anruf sollen der Vergangenheit angehören. 

Für mehr Ordnung am Berg hat die nepalesische Regierung auch neue Regeln erlassen. So müssen alle Bergsteiger nun ihren Müll wieder mit herunterschleppen, zum Beispiel Sauerstoffflaschen, Dosen, alte Zelte und Kartuschen. Mindestens acht Kilogrammen Abfall sollen sie im Basislager abgeben, sonst droht eine Strafe.

Außerdem sind im Basislager nun Soldaten und Polizisten stationiert - wohl eine Reaktion auf den gewalttätigen Streit zwischen nepalesischen Bergführern und europäischen Bergsteigern im vergangenen Jahr. Eine neue Gebührenordnung sorgt dafür, dass Solo-Bergsteiger und Kleingruppen in Zukunft bevorzugt werden und große Expeditionen mehr zahlen müssen.

Der Mount Everest wurde erstmals 1953 von Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay bestiegen. Seither standen mehr als 4.000 Menschen auf dem höchsten Punkt der Erde. Mehr als 400 starben an den Flanken des Everest. Das bisher schwerste Unglück ereignete sich 1996, als acht Bergsteiger in einem Schneesturm ums Leben kamen. Das Frühjahr gilt eigentlich als beste Zeit, um den 8.848 Meter hohen Berg zu erklimmen. (APA/red, derStandard.at, 18.4.2014)

  • Buddhistische Flaggen und im Hintergrund das Basislager des Mount Everest. Hier wartete eine internationale Expedition auf den Aufstieg.
    foto: reuters/laurence tan

    Buddhistische Flaggen und im Hintergrund das Basislager des Mount Everest. Hier wartete eine internationale Expedition auf den Aufstieg.

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    grafik: apa
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