Pflegewesen: Zwischen Frust und Flucht, Teil 2

Kommentar der anderen17. April 2014, 19:06
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Reformresistenz lässt sich schlechterdings auch im Pflegebereich nachweisen

Man kann Herrn Matt (Ulrich Matt: Diagnose: Zwischen Frust und Flucht, DER STANDARD, 12. April) bezüglich seiner Diagnose zur Ärzteabwanderung nur aus vollem Herzen beipflichten. Die Frage ist nur, wenn das Potenzial für Reformen aller Art vorhanden ist, woran liegt es dann, dass diese Reformen nie statt finden? Denn auch aus Sicht der Pflege sind Reformen längst überfällig.

Das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz 1997 wurde hochgelobt, doch 2014 sind manche im Gesetz beschriebenen Felder noch immer nicht flächendeckend umgesetzt. So wird zum Beispiel Pflegepersonal längst nicht ausbildungsadäquat eingesetzt. Jede Bemühung um Anerkennung der beruflichen Fachkompetenz wird von Stationsschwestern und Oberschwestern im Keim erstickt. Die Führungskräfte im Pflegebereich verfügen in der Regel zwar über langjährige Berufserfahrung, jedoch meist über mangelnde Führungskompetenz. Von Berufsumsteigern, die bereits über eine akademische Ausbildung verfügen, fühlen sie sich in der Regel bedroht. Das ist auch mit ein Grund, warum gerade alt eingesessene Berufsvertreter in der zukünftigen Akademisierung der Pflege eine große Gefahr sehen.

Und weil es keine Berufsvertretung gibt, hält sich nicht nur der Spitalsbetrieb an breit einsetzbaren Krankenschwestern aufrecht. Schließlich kann man diese als Putzkraft ebenso einsetzen wie als hochqualifizierte Fachkraft.

Ähnlich verhält es sich für den Bereich der mobilen Pflege. In Wien wird diese zentral vom Fonds Soziales Wien (FSW) gesteuert. Die darunterliegenden privatwirtschaftlichen Vereine beschäftigen diplomiertes Pflegepersonal wie auch Pflegehilfen, Heimhilfen und Besuchsdienste, zu 60 Prozent Migranten. Verträge mit den Vereinen werden jährlich mit dem FSW neu mit jedem einzelnen Verein ausgehandelt, was dazu führt, dass auch jeder Verein unterschiedliche Stundensätze entgolten bekommt. Langfristige Planung ist dadurch kaum möglich. Diplomiertes Pflegepersonal wird selten ausbildungsadäquat eingesetzt und vielfach für niedrigqualifizierte Tätigkeiten herangezogen, für das auch Hilfspersonal eingesetzt werden könnte.

Da im Gesundheitsbereich derzeit jene das Sagen haben, die wenig Eifer bezüglich Reformen haben, müssen gut qualifizierte Ärzte und Pflegekräfte abwandern. Was dies für die zukünftige österreichische Gesundheitsversorgung bedeutet, steht noch in den Sternen. Es zeichnet sich eine katastrophale Entwicklung im Versorgungs- und Kostenbereich ab, wenn nicht bald längst fällige Entscheidungen zugunsten einer attraktiven Berufsgestaltung für alle Beschäftigten in den Gesundheitsberufen getroffen werden. (Alexandra Prinz, DER STANDARD, 18.4.2014)

Alexandra Prinz ist in der Krankenpflege tätig.

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