Gemeinschaftsaskese und Tierleid

Kommentar der anderen17. April 2014, 17:55
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Warum eigentlich Fische? Heute ist die Enthaltung bezüglich Fleischspeisen nur mehr aschermittwochs und karfreitags verpflichtend. Welchen Sinn hat diese Vorschrift? Und hat der katholische Fleischverzicht mit Tierschutz zu tun?

In der frühen Kirche fasteten die Gläubigen in Anlehnung an die jüdische Praxis zweimal in der Woche, später in Erinnerung an Jesu Leiden und Tod nur noch an Freitagen. Daneben bildete sich schon bald eine Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern aus. Das Fasten diente der Abwehr von Dämonen und dem Kampf gegen die Leidenschaften, der vor allem in der Spiritualität der Mönche eine zentrale Rolle spielte.

Mönchisch beeinflusste Ideale sexueller Reinheit sind auch einer der Gründe dafür, dass der Verzehr von Fischen an Fasttagen gestattet war. Fische seien rein, so glaubte man, weil sie sich ungeschlechtlich, ohne männliche Befruchtung des weiblichen Eies, fortpflanzen würden. Deshalb waren sie auch als Fastenspeise erlaubt. Der bedeutende Kirchenvater Basilius von Caesarea verkündete im vierten nachchristlichen Jahrhundert, dass "das Wasser das herabsinkende Ei des Fisches in Empfang nehmen und ein Tier daraus herstellen würde". Dazu kamen weitere Gründe: Fische nahmen unter den Tieren eine gewisse Sonderstellung ein, denn während fast alle Landtiere und Vögel in der Sintflut umgekommen waren, konnten Fische diese Strafe Gottes ohne Probleme überleben. Nicht wenige von Jesu Jüngern sind Fischer gewesen, die er zu Menschenfischern machte; Fleischhauer und rituelle Schlachter waren nicht darunter.

Fisch und Lamm

Die Verwendung des Fischsymbols war in den Kulturen des Nahen Ostens weitverbreitet. Im Christentum wurde der Fisch sowohl als Symbol für die Gläubigen als auch für Christus selbst verwendet. Als Christussymbol leitet er sich unter anderem aus den griechischen Anfangsbuchstaben (Akronym) der Wortfolge "Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser" ab, die den Begriff "Ichthys", das griechische Wort für "Fisch", ergeben.

Auch das Lamm ist ein bekanntes Symbol für Christus. Die biblischen Grundlagen dafür finden sich unter anderem in der alttestamentlichen Rede vom Gottesknecht, der als Lamm zur Schlachtbank geführt wird, und im jüdischen Paschalamm, dessen Blutvergießen als Vorbild für das Blutvergießen Jesu am Kreuz interpretiert wurde.

Am Karfreitag des Jahres 1842 wurde in der Oxforder Universitätskirche St. Mary's eine bemerkenswerte Predigt gehalten. Vorgetragen wurde sie vom anglikanischen Geistlichen John Henry Newman. Drei Jahre darauf konvertierte Newman zur katholischen Kirche, im Alter von 78 Jahren wurde ihm die Kardinalswürde verliehen, und im September 2010 wurde er seliggesprochen.

Predigt gegen Tierleid

In seiner Predigt stellte Newman eine Verbindung zwischen dem Schmerz und dem Leid unschuldiger Tiere und dem Schmerz und dem Leid des unschuldigen Gotteslammes Jesus Christus her: "Denkt daran, was ihr fühlt, wenn Tiere gequält werden. Damit gewinnt ihr einen Zugang zu jenen Gefühlen, die auch die Geschichte von Jesu Kreuz und Leiden in Euch hervorrufen sollte." Der konkrete Anlass für Newmans Vergleich dürfte die Einführung von Tierexperimenten an der Universität Oxford gewesen sein, doch spricht er in seiner Predigt auch von "barbarischen Tierhaltern, die ihre Rinder misshandeln".

Newman bekennt: "Es ist etwas so furchtbar Schreckliches und Satanisches, jene Lebewesen zu quälen, die uns niemals einen Schaden zugefügt haben und die sich nicht verteidigen können, sodass niemand außer einigen hartgesottenen Individuen den Gedanken daran überhaupt ertragen kann." Diese Grausamkeit, die sich in Tierversuchen und Tiermisshandlungen manifestiere, sei aber "genau dieselbe Grausamkeit, die auch unserem Herrn zugefügt wurde".

Damit aber vertritt Newman eine moralische Gleichwertigkeit zwischen dem Leiden Christi und dem Leid der gequälten Kreatur, der Schweine und Rinder, Schafe und Ziegen, Hühner und Truthähne und natürlich auch der Fische, die wie alle der genannten Tiere Schmerz empfinden können.

Megakonsum mit priesterlichem Segen

Die geltende kirchliche Speise- und Fastenregel, die vorschreibt, zweimal im Jahr, am Aschermittwoch und am Karfreitag, in die Rolle eines Pescetariers, eines fischessenden Fleischabstinenzlers, zu schlüpfen, kann angesichts Newmans christologischer Interpretation des Tierleids und heutiger ernährungsmedizinischer, ökologischer und tierethischer Herausforderungen nur als völlig unzureichend und überholt bezeichnet werden. Diese kirchlich verordnete gemeinschaftsasketische Minimalvariante ist Ausdruck einer bequemen bürgerlichen Religion, die zudem durch den auf das Fleischfasten des Karfreitags folgenden, mit priesterlichem Segen ausgestatteten Megakonsum von Osterfleisch völlig konterkariert wird.

Die Richtung, die kirchlich wie gesellschaftlich einzuschlagen wäre, gibt der jüngere Bruder John Henry Newmans vor: Professor William Francis Newman war viele Jahre lang Vorsitzender der Vegetarischen Gesellschaft des Vereinigten Königreichs. Heute wäre er zweifellos auch Mitglied der Veganen Gesellschaft. (Kurt Remele, DER STANDARD, 18.4.2014)

Kurt Remele (57) lehrt Ethik an der Universität Graz und ist Fellow des Oxford Centre for Animal Ethics.

  • Kurt Remele: Die Kirche solte Fastenvorschriften überdenken.
 
    foto: privat

    Kurt Remele: Die Kirche solte Fastenvorschriften überdenken.

     

  • Kirche (nicht vegan): freitags ein Fischlein und am Wochenende abgesegneten Megafleischkonsum.
    foto: rewe international ag

    Kirche (nicht vegan): freitags ein Fischlein und am Wochenende abgesegneten Megafleischkonsum.

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