Prozess in Wien: Biederer, naiver Schmuckdieb

17. April 2014, 17:19
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59-Jähriger soll Firma um 30.000 Euro geschädigt haben

Wien - "Ich war der Meinung, ich mache nichts Schlechtes", sagt Friedrich H. zu Richterin Andrea Philipp. Da Meinungen auseinandergehen können, hat die Staatsanwältin eine andere. Und wirft dem 59-Jährigen vor, vier Jahre lang seinem Arbeitgeber Schmuck im Wert von mehr als 30.000 Euro gestohlen zu haben.

Es ist definitiv ein ungewöhnlicher Diebstahlprozess. Der Angeklagte ist unbescholten, ein biederer Familienvater - und er hat seine Beute nicht einmal zu Geld gemacht. Seit dem Auffliegen der Sache ist er arbeitslos, seine Chance, auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren, ist wohl überschaubar, wie sein Verteidiger Erich Gemeiner festhält.

"Ich war naiv"

Doch wie ist es dazu gekommen, dass H. nun zwischen sechs Monate und fünf Jahre Haft drohen? "Ich war naiv", versucht der Angeklagte zu erklären. Seit 2005 hatte er bei einer großen Wiener Schmuckmanufaktur gearbeitet. Seine Abteilung erledigte einen Zwischenschritt in der Produktion, bei dem immer wieder Ausschuss und Muster anfielen.

Zwischen 2009 und 2013 nahm er Dutzende dieser halbfertigen Stücke mit nach Hause. Armreifen, Ringe, Ketten, Fassungen. "Ich bin davon ausgegangen, dass die nicht mehr gebraucht und ohnehin vernichtet werden", verteidigt er sich jetzt. "Für mich war es zu schade zum Wegwerfen." Verkaufen wollte er seine Mitbringsel aber nie: "Ich habe es nur zur Dekoration benutzt."

Firmenchef stutzig gemacht

Blöderweise überließ er aber fünf oder sechs Stück seiner Tochter. Und die verkaufte die halbfertigen Produkte via Internet an einen Abnehmer. Der 300 Euro dafür bezahlte. "Spätestens da hätte Ihnen ja klar sein müssen, dass sie etwas wert sind", kontert Richterin Philipp H.s Verantwortung, er habe eigentlich gedacht, es handle sich ohnehin um wertlosen, da unverkäuflichen Ausschuss.

Der Verkauf durch die Tochter machte schlussendlich den Firmenchef stutzig, als er die minderwertige Ware im Internet entdeckte. Nachforschungen begannen, schließlich kam man auf den Angeklagten. Exakt 31.380,06 Euro sei die Beute wert, hatte die Firma angezeigt. Im Prozess stellt sich auf Nachfragen der Richterin nun heraus, dass diese Schadenssumme sehr, sehr großzügig bemessen wurde.

Denn: Es wurde der Verkaufspreis herangezogen, wie eine Mitarbeiterin als Zeugin aussagt. Ob und wie viel die teils fehlerhaften oder halbfertigen Produkte wert sind, wagt sie nicht zu schätzen. Auch Ex-Kollegen des Angeklagten glauben nicht, dass mehr als der Materialwert zu bekommen wäre.

Schwund nicht aufgefallen

Dazu kommt, dass bis auf die von der Tochter verkauften Schmuckstücke alle anderen sichergestellt wurden. Sie lagern nur noch bei der Polizei.

Nicht ganz klar ist übrigens auch, wie streng die internen Kontrollen in dem Betrieb gewesen sind - aufgefallen ist der Schwund niemandem.

Schlussendlich verurteilt die Richterin H. nicht rechtskräftig zu zwölf Monaten bedingt, bleibt also im unteren Bereich des Möglichen. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 18.4.2014)

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