Andrea Pichler: "Selten ein so leeres Labor gesehen"

Blog17. April 2014, 13:41
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Nach Mobbingerfahrungen erfolgreich in Freiburg: Zweimal hat die Molekularbiologin Andrea Pichler Österreich den Rücken gekehrt

"Ich lebe jetzt wegen dieses Jobs zehn Jahre von meinem Mann getrennt", sagt die Molekularbiologin Andrea Pichler. "Es wird allgemein akzeptiert, dass Frauen ihren Männern nachziehen, aber umgekehrt? Da wird man schief angeschaut", erzählt die 1966 in St. Pölten geborene Wissenschaftlerin. "Dass sich ein Ingenieur von BMW in München wegbewirbt, das hat keiner verstanden."

Nach ihrem Studium der Molekularbiologie in Wien machte Pichler ihre Doktorarbeit am AKH, um nach unerfreulichen Erfahrungen - "In Amerika würde man wegen sexueller Belästigung (bei der Diplomarbeit) und Benachteiligung (bei der Doktorarbeit) klagen" - in die Privatwirtschaft zu wechseln. Nach zwei Jahren am Novartis-Forschungsinstitut verließ sie im Jahr 2000 Österreich das erste Mal in Richtung Deutschland, um am Max-Planck-Institut für Biochemie in München zu arbeiten.

Viel versprochen, wenig gehalten

Ihr Forschungsgebiet ist die Proteinregulierung durch SUMO (Small Ubiquitin-related Modifier). "2004 wurde der Chemienobelpreis für den großen Bruder meiner Forschung, die Entdeckung des Ubiquitin-Systems, vergeben - und ich musste mir in Wien permanent anhören, ob das überhaupt wichtig sei, woran ich forsche", wundert sich Pichler noch heute. Nach erfolgreichen fünf Jahren in München und einem Jahr in Göttingen kehrte sie "aus familiären Gründen" nach Wien zurück.

"Ich hatte insgesamt eine Million Euro eingeworben und etwas gemacht, das es so in Österreich noch nicht gab. Ich habe auf naive Weise angenommen, dass das geschätzt wird." Das ihr zugesagte ausgestattete Labor am Max-F.-Perutz-Labor habe sie bei ihrer Ankunft nicht vorgefunden: "Ich habe selten ein so leeres Labor gesehen", so Pichler. In Österreich sei ihr im Laufe ihrer Karriere viel versprochen, aber wenig gehalten worden. "Wenn alles über Beziehungen läuft, kann ich meine Arbeit nicht machen", betont Pichler. "Nur über den WWTF, der mich teilfinanziert hat, kann ich nur das Beste sagen."

"In Wien stellte sich mir täglich die Frage, wie ich mir das nächste Messer aus dem Rücken ziehen kann", sagt die Forscherin, die heute am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg unabhängige Gruppenleiterin (äquivalent zur W2-Professur) ist. Schweren Herzens verließ sie nach Mobbingerfahrungen Ende 2009 Österreich ein zweites Mal. "Ich muss von meiner Familie, meinen Freunden und meinem Mann getrennt leben, um meinen Forschungsarbeiten nachgehen zu können. Das ist nicht einfach."

Dass ihr Mann nun eineinhalb Stunden von Freiburg entfernt in der Schweiz arbeitet, sei schon ein Fortschritt. "120 Kilometer Entfernung sind besser als 400. Es ist nicht ideal, aber erträglich", sagt Pichler lakonisch. In Freiburg habe man ihr einen "Tenure Track" nicht nur in Aussicht gestellt, sondern ohne viel Aufhebens auch in die Tat umgesetzt. Nach Österreich zieht es sie nur mehr aus familiären Gründen: "Ich würde meine Neffen gerne öfter sehen." (Tanja Paar, derStandard.at, 17.4.2014)


Andrea Pichler: "Wenn alles über Beziehungen läuft, kann ich meine Arbeit nicht machen."

 

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