Ein Schiss am Anzug

19. April 2014, 12:10
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Schön brutal und brutal schön: The Amazing Snakeheads und ihr Debütalbum "Amphetamine Ballads"

Der Bandname führt in die Irre. Bei The Amazing Snakeheads denkt man an Hinterwäldler aus den USA. An Gestalten, die das Material ihrer Schuhe selbst erlegen und die in Unterkünften wohnen, bei denen das Klo ein eigenes Häuschen im Abseits ist. Ein Umstand, der nächtens, wenn es in der Destillerie wieder einmal länger gedauert hat, immer wieder ein Malheur zeitigt. Oder zwei. Man denkt an unübliche Verwandtschaftskonstellationen und deren genetische Folgen. Genährt werden derlei Fantasien zusätzlich vom Albumtitel: Amphetamine Ballads. Da dampft er schon zum Küchenfenster heraus, der Geruch selbstgekochter Drogen. Und schließlich die Musik. Der Gesang irre, die Gitarren verzerrt und übersteuert, der Schlagzeuger nur mit einem Schuss zwischen die Augen zu stoppen.

Nein, das ist kein schönes Bild. Doch wenn man an die Heerscharen von Bands aus den USA denkt, die früher durchs Land gezogen sind und solche Klischees nicht nur freiwillig bedient haben, fällt es schwer, sie zu verdrängen. Da hat ein Kellerkonzert in Ottakring so manchen Ausflug nach Arkansas oder Missouri erübrigt. Aber wie gesagt, Irrtum.

Drei Bullies aus dem Pub

The Amazing Snakeheads sind ganz normale Wahnsinnige aus Glasgow. Ansonsten gilt es nicht viel zu revidieren - außer, dass das Waffengesetz in Schottland wahrscheinlich den Zugang zu Ballermännern schwerer macht als drüben überm Teich. Dale Barclay, William Coombe und Jordon Hutchison inszenieren sich wie jene Bullies, vor denen einen der Türsteher gewarnt hat. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt hat der mit dem stechenden Blick schon vom Glas gebissen, der andere die Lederjacke abgelegt, der Dritte lockert knackend seine Finger und massiert den Schorf darüber, Reste vom letzten Faustkampf.

Dann greifen sie zu ihren Instrumenten und legen los. Amphetamine Ballads wurde live aufgenommen. Kein Firlefanz, keine Ideen abseits von Bass, Gitarre und Schlagzeug. Mit einer Ausnahme: In manchen Liedern gönnt man sich ein Saxofon als schmerztreibendes Mittel. Sänger Dale Barclay - schmale Lippe, stechender Blick - nähert sich seinen Songs wie ein Tier beim Angriff. Er schleicht herum, duckt sich und attackiert. Der Rest ist Energie, Trieb, Kontrollverlust. In der Populärkultur wurde ein solches Benehmen von den Stooges 1973 als "Raw Power" in Stein gemeißelt. In der bürgerlichen Gesellschaft gleicht das einem Taubenschiss am Sonntagsanzug.

In der Schnittmenge aus Rock 'n' Roll und Blues mit psychotischer Rotfärbung verzehrt man sich, verdaut sich selbst, frisst die Wut in sich hinein, speit sie aus. Solches Gebaren macht es den von den Snakeheads angebeteten Damen schwer, sich begehrt ohne sich gleichzeitig bedroht zu fühlen. Songtitel wie Where is my Knife? verstärken das Unbehagen - vor allem in den vom Albumtitel in Aussicht gestellten Balladen. Eine heißt Every Guy wants to be her Baby, und so wie Barclay das formuliert, klingt es nach dem Anfang vom Ende.

All das ergibt ein phänomenales Debütalbum von drei Freunden, die bis heute Day-Jobs nachgehen. 2010 gründeten sie diese Band. Sie dachten, wenn sie eine Single veröffentlichen könnten, die in ihrem Lieblingspub in der Jukebox landen würde, wäre das cool. So kam es. Kurz darauf hat der Entdecker von Franz Ferdinand und den Arctic Monkeys bei ihnen angeläutet. Jetzt sind sie auf Domino Records und lösen dort alle nicht gegebenen Versprechen ein. Ohne Kompromisse. Hart bis brutal. Nur sich selbst und einem großen Vorbild verpflichtet: James Brown. Noch einmal "Raw Power". (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, 18.4.2014)

  • The Amazing Snakeheads: "Amphetamine Ballads" (Domino)
    foto: domino records / gavin watson

    The Amazing Snakeheads: "Amphetamine Ballads" (Domino)

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