Zalando wehrt sich gegen RTL-Bericht

17. April 2014, 10:34
110 Postings

"Schrei vor Glück", lautet das Zalando-Motto, doch nach einer Undercover-Reportage steht der Versandhändler unter Beschuss

Kilometerlange Märsche durch die Lagerhallen, Bespitzelung, Akkordarbeit und sogar ein Todesfall auf der Toilette. Eine Reporterin will unmenschliche Arbeitsbedingungen bei Zalando aufgedeckt haben. Drei Monate lang arbeitete sie bei Europas größtem Modeversandhaus in Erfurt und filmte dabei mit versteckter Kamera. Die Dokumentation wurde am Montag auf RTL für das Format "Extra" ausgestrahlt – und blieb nicht ohne juristisches Nachspiel. Der Online-Händler wies nicht nur die Vorwürfe vehement von sich, sondern erstatte Anzeige wegen Verrats von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen gegen die Journalistin. Gleichzeitig wirft er dem Fernsehsender vor, den Beitrag "vorgezogen" und Zalando keine Möglichkeit für eine Stellungnahme gegeben zu haben. Stimmt so nicht, konterte RTL, besagte Journalistin, hätte Zalando sehr wohl – allerdings unter dem eigenen Namen – per E-Mail einen Fragekatalog zugestellt.

Die 21-jährige RTL-Reporterin Caro Lobig hatte – mit dem Beistand von "Aufdecker-Legende" Günter Wallraff – ausgerüstet mit einem Schrittzähler und versteckter Helmkamera – scheinbar unerträgliche Arbeitsbedingungen ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Als sogenannte Pickerin, also jene Mitarbeiter, die Ware aus den Regalen holen und sie zum Versand fertig machen, legte sie laut eigenen Angaben am Tag oft bis zu 27 Kilometer zurück. Selbst in der Zeit, wo es kurzfristig nichts zu tun gab, soll es "nicht gern gesehen" worden sein, sich hinzusetzen. Über den Produkt-Scanner, der den Weg durch das Labyrinth der rund sieben Millionen Artikel wies, soll Zalando seine Mitarbeiter elektronisch überwacht haben.

Versuch der Schadensbegrenzung

Vorwürfe, die Zalando-Sprecherin Kristin Dolgner auf Anfrage von derStandard.at entschieden zurückweist. Auf der Unternehmens-Website versucht man unterdessen, die Fragen, die der RTL-Bericht aufwirft, zu beantworten. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter wurde seit Ausstrahlung des Beitrags ein wahrer Shitstorm losgetreten, nachdem der Versandhändler am Dienstag in einer ersten Reaktion postete: „Puh, die Emotionen kochen ziemlich hoch, aber da müssen wir wohl durch (...)." Von "Sklavando" und "Sklaventreibern" ist die Rede, gefolgt von Boykottaufrufen und Stellungnahmen von Ex-Mitarbeitern.

Unterdessen wollen auch Thüringer Datenschützer den Umgang mit Mitarbeitern im Erfurter Logistikzentrum überprüfen. Es soll herausgefunden werden, wer beim Unternehmen auf welche Daten Zugriff habe und wofür diese Informationen genutzt würden, wird der Thüringer Datenschutzbeauftragte Lutz Hasse von der "Thüringischen Landeszeitung" zitiert.

Zusätzlicher Ärger, den Zalando vor seinem geplanten Börsegang sicher nicht brauchen kann. Denn das Unternehmen steckt immer noch in den roten Zahlen: Für das Jahr 2013 konnte Zalando zwar eine enorme Umsatzsteigerung auf 1,8 Milliarden Euro vorweisen, das ist eine Steigerung von 57 Prozent gegenüber dem Vorjahr - der Gewinn bleibt aber immer noch aus. Lautete der Firmenslogan zu Anfang noch "Schrei vor Glück. Oder schick's zurück", wurde letzter Satz mittlerweile entfernt. Denn jeder Umtausch kostet dem Unternehmen Geld, und bei der Anzahl von Reklamationen sehr viel Geld. (red, derStandard.at, 17.4.2014)

  • Zalando sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt.
    foto: apa/bodo marks

    Zalando sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt.

Share if you care.