"Jambo, Jambo!" für die Radler auf Sansibar

19. Mai 2014, 14:00
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Einheimische laden dazu ein, die Insel vor Tansania auf Fahrrädern zu erkunden. Urlauber sollen mehr über ihren Alltag erfahren, als es Hotellobbys vermitteln.

"Jambooo!", schallt es alle paar Meter vom Straßenrand. "Jambo, Jambo!" grölen wir zurück. Schweißgebadetradeln wir an den winkenden Kindern vorbei. Dass der Ausdruck ausschließlich für Leute gebraucht wird, die nicht eben nach Swahili-Kennern aussehen, wissen wir zu dem Zeitpunkt nicht. Ebenso wenig, dass wir an diesem Tag noch von vielen Kindern freudig umringt, begrüßt, betrachtet werden.

Touristen verschlägt es kaum ins Landesinnere Sansibars. Der Kontakt mit den Bewohnern der Insel vor Tansania beschränkt sich auf Hotelaufenthalte und Schnorcheltrips, die meisten Wege werden in klimatisierten Taxis zurückgelegt. Seit Wochen sind keine Besucher mehr in den Dörfern im Norden der Insel vorbeigekommen - und schon gar nicht auf Fahrrädern. Darauf bewegen sich zwar viele Inselbewohner, aber mehr aus Gründen der Armut und nicht aus Umweltbewusstsein.

Ökologischer Erfindungsreichtum

Eine Gruppe junger Leute aus dem Norden Sansibars macht seit August aus der Not eine Tugend. Das Projekt Nungwi Cycling Adventure verspricht aufgeschlossenen Reisenden auch die anderen Seiten Sansibars zu zeigen, ganz ohne große Investitionen für die strukturschwache Region - mehr als eines Fahrrads und eines netten Guides bedarf es nicht.

Nachhaltigkeit ist kein Konzept der Überflussgesellschaft - und auch keine Ausrede, um Touristen ein gutes Gewissen zu verkaufen. Die gleiche Gruppe rund um das Fahrradprojekt hat bereits 1993 das Mnarani Aquarium zum Schutz der Meeresschildkröten auf Sansibar gegründet.

Voller Stolz erzählt unser Guide, dass sie in diesem Jahr mehr als 50 Jungtiere auswildern konnten. Früher gejagt und verspeist, sichern die Meeresschildkröten heute das Einkommen vieler Einheimischer, die im Aquarium arbeiten.

Unterstützung für abgelegene Dörfer

Und jetzt also auch Fahrräder. 25 US-Dollar kostet die halbtägige Tour pro Teilnehmer, alles geht angeblich an die Local Community. In jeder der vier Ortschaften, in denen wir haltmachen und herumgeführt werden, übergibt unser Guide einen Betrag, bevor wir weiterfahren.

Wir wandern mit einer Gruppe Dorfbewohner zu einer versteckten Ruine im Dschungel, die im 16. Jahrhundert von Portugiesen erbaut wurde und seither unbeobachtet vor sich hinrottet. Wir klettern mit zwei jungen Burschen und ihrer alten Taschenlampe durch eine Korallenhöhle, die sie vor wenigen Monaten zufällig entdeckt haben. Wir sprechen kein Swahili, sie kaum Englisch, wir verstehen uns trotzdem prächtig.

Am Ende radeln wir 20 Kilometer, begleitet von den "Jambo"-Rufen, die Hände gezeichnet vom Sonnenbrand unseres Lebens. Trotz anfänglicher Bedenken haben wir das Projekt weder als Almosenverteilung noch als Armutsvoyeurismus erlebt.

Freundliche Aufforderung an Fremde

Es ist eine Einladung an uns Fremde, etwas mehr an Eindrücken und Einblicken mitzunehmen als eine sterile Hotellobby und einen saubergefegten Strand. Und gleichzeitig ist es ein unaufdringlicher Hinweis der Einheimischen, etwas mehr hierzulassen als das Trinkgeld für den Taxifahrer am Flughafen. Weit mehr als Geld erwarten sie vor allem Interesse, Zeit und Offenheit, sich ihrem Leben zuzuwenden.

In einer verarmten Region wie Sansibar, wo das Durchschnittseinkommen bei weniger als einem US-Dollar pro Tag liegt, die Fischer immer weniger Fang in den Netzen haben, weil die Industriekutter aus Europa und Asien ihre Küsten leerfischen, dürfen die Umsätze aus dem Tourismus nicht nur in den Taschen ausländischer Investoren und Hotelketten versinken.

Naturschutz für den Tourismus

Auch wenn der Müll zum Teil noch hinter den Hütten landet und die Inselverwaltung wenig bis gar nichts dagegen unternimmt - die Gruppe um das Mnarani Aquarium hat verstanden, dass die Zukunft der Insel im Tourismus liegt und sie dafür die Natur erhalten müssen.

Noch machen wenige Hotels Werbung für das Fahrradprojekt, doch auch da wissen sich die Bewohner zu helfen und vermarkten ihre Idee selbst über Social-Media-Kanäle. Ihr Ziel ist es, auf ganz Sansibar und den Nachbarinseln Fahrradtouren anzubieten und die Dorfgemeinschaften zu unterstützen. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 19.5.2014)

  • Das (Fahr-)Rad, Fortbewegungsmittel Nummer eins auf der Insel, soll jetzt auch umweltbewusste Touristen auf Sansibar transportieren.

    Das (Fahr-)Rad, Fortbewegungsmittel Nummer eins auf der Insel, soll jetzt auch umweltbewusste Touristen auf Sansibar transportieren.

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