"In Wien passieren viele Schnellschüsse"

Interview17. April 2014, 05:30
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Ein Nein von Oberösterreich zu Sparplänen, ein Ja zu Pisa - das Datenleck ist für Bildungslandesrätin Doris Hummer eine Ausrede

STANDARD: Seit der Ankündigung der Bundesregierung, 57 Millionen Euro im Bildungsbereich einzusparen, hagelt es Proteste. Sie werfen Wien unprofessionelles Arbeiten und einen Zickzackkurs vor?

Doris Hummer: Genau, zuerst hieß es, der Bereich Hauptschule wird aufgewertet, mit mehr Ressourcen und pädagogischen Konzepten zur Neuen Mittelschule, der NMS. Und jetzt wird das wieder zurückgefahren. Wir haben sogar vom Ministerium schon die Verordnung erhalten, wo eingespart werden soll, obwohl wir Bildungslandesräte erst am Mittwoch nach Ostern mit Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek die Besprechung haben. Das ist schon einmal ein befremdliches Vorgehen. Denn, wenn schon gespart werden muss, gilt es vorab zu besprechen, wo dies geschehen kann, ohne dass die Qualität des Unterrichts gefährdet wird. Es kann nicht sein, dass die Schülerzahlen in den Klassen erhöht werden und die Stunden für das Teamcoaching an den NMS gekürzt werden.

STANDARD: Was aber wohl passieren wird?

Hummer: Ich hoffe, dass dem nicht so ist. Sonst müsste ich nächste Woche nicht nach Wien fahren. Es geht jetzt darum, dass Bund und Länder konstruktiv zusammenarbeiten. Was wir Länder aber ganz sicher nicht mittragen werden: Der Bund hat in der Verordnung einen ganz kreativen Sparvorschlag, wie er sich auf Kosten der Länder sanieren will. Es sollen die Kosten erhöht werden, die wir Länder für jeden zusätzlichen Lehrerdienstposten pro Jahr dem Bund ersetzen - von 39.000 auf 60.000 Euro. Auch können den Schulen nicht die Ressourcen gekürzt werden. Die klagen schon heute, dass sie nicht ausreichend Angebote zur Förderung der Schwächeren oder Hochbegabten mehr machen können, weil ihnen die Ressourcen fehlen.

STANDARD: Also ist die NMS doch nichts anderes als ein Schnellschuss vom Bund?

Hummer: Leider Gottes. In Wien passieren viele Schnellschüsse, vor allem wenn es um Einsparungen geht.

STANDARD: Oder der Stopp des Pisa-Testes 2015 für Österreich?

Hummer: Da wurde überzogen reagiert, in der Konsequenz, dass man die Erstentscheidung, jetzt erst einmal einen Stopp zu machen, auf ein Jahr ausgedehnt hat. Aufgabe der Ministerin wäre es gewesen, diese Datenunsicherheit, die angeblich da war, zu beseitigen. Das hat sie aber nicht gemacht. Und daher werfe ich ihr vor, dass sie hier eine Ausrede gesucht hat, um bei Pisa nicht mitmachen zu müssen.

STANDARD: Wie kommen Sie darauf, dass es eine Ausrede ist?

Hummer: Weil die Datensicherheit hergestellt werden kann. Ich habe mich von Anfang an angeboten, das Problem zu lösen. Wir haben hier in Oberösterreich mit der Johannes-Kepler-Universität, der Fachhochschule Hagenberg die Experten.

STANDARD: Ein Angebot, das nicht angenommen wurde. Haben Sie deshalb einen Alleingang Oberösterreichs bei Pisa angekündigt?

Hummer: Wenn wir wirklich Transparenz in der Bildungspolitik haben wollen, dann können wir uns vor dem internationalen Vergleich nicht drücken. Daher bleibt wohl nur die weniger charmante Alternative des oberösterreichischen Alleingangs.

STANDARD: Wofür es eine Genehmigung vom Ministerium braucht, die nicht erteilt werden wird.

Hummer: Es gibt noch einen Ausweg: Wir könnten im Rahmen der Bildungsforschung eine interne Vergleichserhebung mit Pisa-Testbeispielen machen, das ginge auf freiwilliger Basis. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 17.4.2014)

Doris Hummer (40) ist seit 2009 Bildungslandesrätin in Oberösterreich und die erste VP-Politikerin in der oberösterreichischen Landesregierung.

  • Stopp des Pisa-Tests: "Da wurde überzogen reagiert", meint die oberösterreichische Bildungslandesrätin Doris Hummer.
    foto: wjd

    Stopp des Pisa-Tests: "Da wurde überzogen reagiert", meint die oberösterreichische Bildungslandesrätin Doris Hummer.

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