London will Amsterdam werden

27. April 2014, 09:00
120 Postings

SkyCycle: Norman Foster plant ein 220 Kilometer langes Netzwerk von Radl-Highways

London - "Mein Traum ist es, dass man in Paris aufwacht, zum Gare du Nord radelt, dort in den Zug steigt, ein paar Stunden später in Stratford aussteigt und dann schnurstracks in wenigen Minuten in die City of London strampelt", sagt Sam Martin, Chefarchitekt von Exterior Architecture. "Und zwar ohne auf Autos und irgendwelche Trucks und Busse Rücksicht zu nehmen." Gemeinsam mit Lord Norman Foster, der mit seinem großen, bekannten Namen für den Erfolg des Projekts bürgen soll, machte er seine Drahteselvision namens SkyCycle konkret und ist nun auf der Suche nach potenziellen Geldgebern.

Der Name ist Programm, denn tatsächlich tritt man bei SkyCycle in einer weitaus geringeren himmlischen Distanz in die Pedale als unten auf der Straße. Die Radl-Highways befinden sich nämlich allesamt über den Gleisen des Grundstückseigentümers Network Rail. Einst wurden die Schienen in unbebauten Schneisen durch die Stadt gelegt. Der Himmel über den Gleisen war leer und diente einzig und allein der Aufnahme von rauchenden Schwaden der sich durch die Stadt quälenden Dampflokomotiven. "Das ist Geschichte", so Martin. "Diesen leeren Raum, der seit der Einführung von Strom und Diesel keinen Zweck mehr erfüllt, wollen wir uns zunutze machen."

Zehn Routen, 200 Auf- und Abfahrten

Eine aufgeständerte Brückenkonstruktion, die dem Verlauf der Züge folgt und sich auf vorgegebenen Pfaden durch die Stadt windet, soll dafür sorgen, dass sich die Londoner künftig ohne Verkehr, ohne Unfallgefahr und vor allem ohne Zeitverzögerung in Amsterdamer Manier von A nach B begeben. Zehn unterschiedliche Routen und an die 200 Auf- und Abfahrten soll das radiale, bis zu 220 Kilometer lange Radnetzwerk umfassen. Und jede einzelne davon soll bis zu 12.000 Radfahrer pro Stunde aufnehmen können. Die durchschnittliche Zeitersparnis eines ebenso durchschnittlichen Londoner Radpendlers - die konkrete Zahl scheint in diesem frühen Projektstadium etwas übertrieben, doch so sorgt das visionäre Bauvorhaben auch in den Lifestyle-Zeitschriften für einen regelrechten Furore-Hype - werde rund 29 Minuten pro Strecke betragen.

Rund 20 Jahre soll die Errichtung der SkyCycle-Straßen dauern. Falls sie denn überhaupt gebaut werden. Denn schon jetzt werden die ersten Kritiken laut. Die hohe, exponierte Lage sorge für starke, ungebremste Winde. Vor allem aber mache man sich angesichts der wettermäßigen Unbeständigkeit Londons Sorgen um die fehlende Überdachung. Norman Foster blickt dem gelassen entgegen: "Ich bin ein leidenschaftlicher Radfahrer. Mit oder ohne Regen. Und so wie mich gibt es viele in London."

Transport wird zum Luxusgut

Und in Zukunft noch viel mehr. In den nächsten zehn Jahren, so die Prognose, werde die Bevölkerung um zwölf Prozent zunehmen. Wenn bis dahin kein infrastrukturelles Umdenken stattfindet, sei der Verkehrsinfarkt der ohnehin schon überlasteten Stadt programmiert, meint Foster. "Ich fürchte, dass der Transport eines Tages zum unbezahlbaren Luxusgut wird. Daher müssen wir schon jetzt vorsorgen und entsprechende Alternativen für eine leistbare, lebenswerte und vor allem egalitäre Stadt ausarbeiten."

Phase 1 soll bald Realität sein. Zwischen Stratford und Liverpool Street entsteht eine knapp sieben Kilometer lange SkyCycle-Teststrecke. Geplante Baukosten: 220 Millionen Pfund (266 Millionen Euro). Eine Hochrechnung dieser Summe auf das gesamte SkyCycle-Projekt lässt die Ausmaße des revolutionären Mammutprojekts vermuten. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 24.4.2014)

  • Barrierefreies Strampeln im ersten Stock: Der "SkyCycle" soll über bestehenden Bahntrassen aufgeständert werden.
    visualisierung: norman foster

    Barrierefreies Strampeln im ersten Stock: Der "SkyCycle" soll über bestehenden Bahntrassen aufgeständert werden.

Share if you care.