36.000 Zentimeter Paradies

24. April 2014, 12:01
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London erfindet sich neu. Ein Teil dieses nachhaltigen Verkehrs- und Bebauungskonzepts ist die Garden Bridge, die bis 2018 entstehen soll

London - Der erste Eindruck: Die Menschheit ist ausgestorben, und die Natur erobert sich allmählich nun jenen Raum zurück, der ihr einst unter großer Anstrengung Jahrhunderte lang künstlich abgerungen wurde. Doch der Schein trügt, denn die sogenannte Garden Bridge in London ist kein postapokalyptisches Schreckensbild, sondern ein neuer fußläufiger und gänzlich autofreier Brückenschlag über die Themse.

"In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die London South Bank prächtig entwickelt und ist zu einem kulturellen Hotspot mit Galerien, Ateliers, Musiklokalen, Restaurants, tollen Läden und allerhand Outdoor-Aktivitäten herangereift", erzählt Thomas Heatherwick. "Doch der gegenüberliegende Temple District im Norden ist weiterhin still und unaufregend. Das wollen wir ändern. Daher hatten wir die Idee, die beiden Uferzonen miteinander zu verbinden."

Futuristische Doppeldeckerbusse

Gemeinsam mit der britischen Schauspielerin und Grün-Aktivistin Joanna Lumley schlug der Londoner Designer, der zuletzt mit der futuristischen Neugestaltung der Londoner Doppeldecker Busse auf sich aufmerksam machte, der Stadtverwaltung eine 367 Meter lange Fußgängerbrücke vor.

Die Begeisterung der öffentlichen Hand ließ nicht lange auf sich warten, denn das privat initiierte Projekt ist nicht nur ein Geschenk für Mensch und Natur, sondern auch ein wichtiger Bestandteil des nachhaltigen Verkehrskonzepts, das in der größten und bevölkerungsreichsten Metropole Europas in den kommenden 20, 30 Jahren implementiert werden soll (siehe auch Seite 6). Zug und U-Bahn sollen ausgebaut werden, innerstädtische Industriebrachen sollen bebaut und begrünt werden, und der individuelle Autoverkehr soll nach dem Vorbild der City of London nach und nach aus der Stadt hinausgeekelt werden. Da kommt ein grüner Paukenschlag wie die Garden Bridge dem Londoner Bürgermeister Boris Johnson gerade recht.

Ein neues Wahrzeichen

"Die Garden Bridge soll ein neues Wahrzeichen für London werden, ein Ort, an dem man sich gerne aufhält, und zwar ohne Eintrittsgebühr und ohne Konsumationszwang", erklärt Heatherwick, während Medienzugpferd Lumley indes von paradiesischem Gezwitscher und allerlei Gekrabble träumt: "Obwohl die Garden Bridge noch Zukunftsmusik ist, kommt mir die Brücke heute schon real und lebendig vor. Es ist ein Ort ohne Lärm und ohne Verkehr, wo man nur die Vögel und das Bienensummen hören wird, wo oben der Wind in den Bäumen fegen und unten das Wasser der Themse rauschen wird."

Die Analogie zur berühmten High Line in Manhattan, die New York eine Art ökologische Renaissance beschert hat, und zur grünen Autobahnüberbauung M30 in Madrid, die am Fuße des Königspalastes einen Garten Eden für Jogger und Radler zur Folge hatte, liegen auf der Hand. Und so wie in New York solle die Garden Bridge, die zwischen Waterloo und Blackfriars Bridge errichtet werden soll, den Bewohnern und Besuchern "Frieden, Schönheit und Magie" bieten, so Lumley.

Wildes Habitat

Hinter der treibenden Kraft der beiden Projektinitiatoren verbergen sich das weltweit tätige Ingenieursbüro Arup sowie der Landschaftsarchitekt Dan Pearson, der die konstruktiv auffällige Brücke, die nur auf zwei schwammerlartigen Pfeilern ruht, in ein wildes Habitat mit Gräsern, Kräutern, Büschen und Bäumen verwandeln wird. Rund 1200 Kubikmeter Erde werden dafür nötig sein. Das Ziel, darin sind sich die Planer einig, sei eine Art "Guerilla-Gardening-Bridge" - nur weitaus fotogener als alles andere, was bisher auf diesem Sektor entstanden ist.

Die geplanten Baukosten belaufen sich auf 150 Millionen Pfund, rund 180 Millionen Euro. Einen Teil der Kosten trägt die eigens für dieses Projekt gegründete Stiftung Garden Bridge Trust. Der Rest soll über Sponsoring und Crowdfunding finanziert werden. Baubeginn ist nächstes Jahr. Im Frühjahr 2018, so der Plan, sollen die ersten Passanten auf grünen Pfaden von einem London ins andere spazieren. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 24.4.2014)

  • Garten Eden über der Themse. Die 367 Meter lange Garden Bridge des Londoner Designers Thomas Heatherwick ist ein erster symbolischer Brückenschlag in diese überaus ambitionierte Vision.
    foto: garden bridge heatherwick studio view (c) arup

    Garten Eden über der Themse. Die 367 Meter lange Garden Bridge des Londoner Designers Thomas Heatherwick ist ein erster symbolischer Brückenschlag in diese überaus ambitionierte Vision.

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