So schöne Sorgen

16. April 2014, 17:53
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Werner Brix als Animator: "Lust - Lasst uns leben!"

Wien - Radikale Sparkurse, permanente Überforderung, schleichende Verarmung: Diese und andere Symptome unserer Zeit machen auch Kabarettisten nachdenklich. Sie laden nicht mehr zu fröhlichem Fugitismus ein, sie warnen vielmehr vor Fehlentwicklungen. Und sie sind geradezu getrieben von der Idee, ihr friedlich dösendes Publikum wachzurütteln.

Dies gilt nicht nur für Roland Düringer, der sich vom Benzinbruder in einen Propheten verwandelte, oder Thomas Maurer, der in seinem Neuen Programm die Finanzkrise seziert: Gregor Seberg verkörpert in Hast Angst, Mayer? einen Verlierer des Turbokapitalismus, der einen NSA-Verfolgungswahn entwickelt hat. Auch Werner Brix, geboren 1964, geht auf Konfrontation mit seinem Publikum. Und auch er ist in seinem Programm Lust - Lasst uns leben! alles andere als lustig: Geradezu verzweifelt (und dabei brillant) versucht er, Lust zu machen.

Weil die Fremdenführerin irgendwo feststeckt, muss sein fliegender Händler, der am Stephansplatz in Gehrock und mit Perücke Opernkarten feilbietet, eine Gruppe Touristen unterhalten. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht. Denn nach dem Anpreisen seiner wundervollen Waren, der Musik, die ihn gehörig nervt, geht ihm der Stoff aus. Daher gerät der grantelnde Wiener ins Philosophieren.

Zum lustvollen Leben fehle uns der Mut, stattdessen schwimmen wir in gebückter Haltung mit der Masse. Jeder würde Sorgen "basteln", so schöne Sorgen, dass wir sie jedem zeigen wollen: "Und dann sudern wir gemeinsam."

Mitunter bricht der Zyniker aus ihm heraus, Brix' Marktschreier versucht sich aber zu beherrschen. Denn er weiß: "Der Zyniker ist zu faul, das Gute im Menschen zu finden." Mit der Zeit wird die widersprüchliche Figur immer jovialer, ehrlicher und berührender: Wir essen zwar täglich - aber was haben wir für die Seele getan?

Bevor der Abend in den Fluten der Tristesse versinkt, reißt Brix das Ruder herum: mit Betrachtungen über unromantische Urlaube und intelligente Hautcremen. Es wird also doch noch amüsant. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 17.4.2014)

Verschiedene Spielstätten (u.a. Kulisse, Kabarett Niedermaier)
Alle Termine: www.brix.at

  • Schwärmt vom barocken Leben: Werner Brix.
 
    foto: chakk boom

    Schwärmt vom barocken Leben: Werner Brix.

     

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