Schlechte Ewigkeit in Saus und Braus

16. April 2014, 17:33
2 Postings

Meisterstück im Hamakom: Michael Gruner inszeniert das Kammerspiel "Sonia Mushkat"

Wien - Eine schwarz gedeckte Tafel steht im Saal des Wiener Theaters Nestroyhof. Kostbar geschliffene Gläser drängen sich neben Karaffen und Tellern. Zwei Schwestern tun sich an den Köstlichkeiten gütlich. Die ältere (Juliane Gruner) hat blitzende Augen. Die jüngere (Babett Arens) zupft Trauben. Die ungarischen Geschwister in Sonia Mushkat, dem neuen Stück der Israelin Savyon Liebrecht, sind daran gewöhnt, im Luxus zu schwelgen.

Man könnte das Heim der Mushkats paradiesisch nennen, mäße es nicht nur wenige Quadratmeter. Der Traumpalast der Familie Mushkat ist ein einfaches Kellerverlies. In ihm harren die jüdischen Schwestern Lidia und Paula der Erlösung durch das Ende der Naziherrschaft. Ein befreundeter Anwalt hat das Versteck eingerichtet; er möchte die Juden vor der Deportation und dem sicheren Untergang bewahren. Ehe es aber so weit ist und die Deutschen abgezogen sind, macht sich die kleine Sippe, verstärkt durch ein vierschrötiges Mädchen vom Land (Katharina-Sara Huhn), das Leben gegenseitig zur Hölle. Die Hölle, das sind die anderen.

Der dauerbesoffene Sohn (Dominik Raneburger) torkelt im Frack zur Mama. Er begreift nur ganz allmählich, dass es mit der Freiheit vorbei ist. Der resoluten Tante (Arens) greift der Tunichtgut auf den Busen. Die Mutter aber ist die Unterdrückerin als Fee. Ein Gespenst der herrschenden Klasse, das seine Angehörigen ausbeutet, ohne dabei jemals den Glanz der Märchenfigur zu verlieren.

In der von Regisseur Michael Gruner meisterlich eingerichteten Erstaufführung von Sonia Mushkat kommt die Familie als vermeintlicher Hort der Geborgenheit nicht zur Ruhe.

Zugleich stellt Gruner das Stück in den größeren Zusammenhang der Moderne. Pausen strukturieren den Dialog, Blackouts fallen dem Text ins Wort. Immer wieder erstarren die Figuren zu Salzsäulen. Im Verborgenen gedeiht ein dunkles Geheimnis, das mit der Herkunft von Sonia zu tun hat, der Bedienten. Sie ist ein Früchtchen vom gleichen Stamm wie ihre Dienstgeberinnen.

Der schwächliche "Herr des Hauses" macht ihr prompt ein Kind. So findet man unausgesetzt die Spurenreste ehrwürdiger Motive wieder. Den Inzest und das Wälsungenblut; die Fantasie vom ewigen Aufenthalt "hinter verschlossenen Türen". Liebrecht hat selbstverständlich ihren Jean Genet studiert, ihren Sartre. Auf der kahlen Richtstätte der Familie Mushkat (Raum, Statisterie: Lydia Hofmann) sind mehrere hinreißende Schauspieler zu bewundern. Die Krone gebührt Juliane Gruner. Die Schwestern aber erinnern sich an die Tage der Gefangenschaft. Sie schlürfen Portwein und käuen die Kindheit wieder. Sie sind Monster und Doppelwesen. Dem Naziterror entronnen, feiern sie ihre Befähigung zur Täterschaft. Große, zu Recht akklamierte Kunst. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 17.4.2014)

  • Ungarn 1944: Die Jugend (Katharina-Sara Huhn, Dominik Raneburger) wartet im Keller auf das Kriegsende.
    foto: nick mangafas

    Ungarn 1944: Die Jugend (Katharina-Sara Huhn, Dominik Raneburger) wartet im Keller auf das Kriegsende.

Share if you care.