Elsbeth hat noch jede Menge Energie

20. April 2014, 11:12
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung - Heute die Vivienne-Westwood-Kampagne: Warum Elsbeths Nackttöpferkurs beliebt ist

Elsbeth Keuper-Luschinsky war nie eine Frau gewesen, die den einfachen Weg gegangen war. Ihr Vater Engelbert Keuper, langjähriger Professor für Anthroposophie an der Privatuniversität Kaufbeuren, hatte seine einzige Tochter streng freigeistig erzogen. Der Zweiklang von Eurythmie und Basenfasten bestimmte ihr Leben als Kind. Wenn sie Brot wollte, musste sie sich selber welches backen, wenn sie Spielzeug wollte, musste sie sich selber welches basteln.

Die ihr in der Kindheit beigebrachte Härte und Konsequenz kamen Elsbeth zugute, als sie mit ihrem Mann, dem Maler Thomas Luschinsky, in die finnische Tundra zog. Hier, in einer Blockhütte fernab jeder Zivilisation, zog sie gemeinsam mit ihrem Mann ihre drei Kinder groß. Zweimal im Jahr wanderten sie einige Stunden ins nächste Dorf, um sich mit dem Nötigsten einzudecken, ansonsten versorgten sie sich selbst. Es waren Elsbeths glücklichste Jahre.

Foto: Lukas Friesenbichler; Werbemotiv von Juergen Teller

Nachdem ihr Mann Thomas nach einer unzureichend behandelten Lungenentzündung unerwartet verstorben war, sah sich Elsbeth gezwungen, mit ihren Kindern nach Deutschland zurückzukehren. Sie zog nach Hirlingen in der Nähe von Stuttgart. Dort pachtete sie einen Bauernhof, baute die ehemalige Scheune eigenhändig zu einem Veranstaltungssaal um und  gab dort Kurse. Montags stand ein Berührungsseminar auf dem Wochenplan, mittwochs lehrte sie Ausdruckstanz, und freitags konnte man sich zum Nackttöpfern einfinden.

Der Freitagskurs war bei den Einwohnern der Umgebung anfänglich auf Skepsis gestoßen. Als Elsbeth aber den Nackttöpferkurs mit einer direkt davor angebotenen Weinverkostung kombinierte (Elsbeths Schwager Leopold Luschinsky kelterte den besten Müller-Thurgau Süddeutschlands), erfreute er sich immer größerer Beliebtheit. Zudem nährte ein von Elsbeth gerne getragener Ohrschmuck gewisse Wünsche, speziell in den männlichen Bevölkerungsteilen der Region. Diese wurden jedoch vonseiten Elsbeths nur äußerst selten erfüllt.

Elsbeths Kinder gingen den freigeistigen Weg ihrer Mutter im Großen und Ganzen weiter. Ihre älteste Tochter Frauke wurde Pferdetherapeutin in Island, der Sohn Henrik vertrieb selbstgeflochtene Hängematten im badischen Raum. Nur die jüngere Tochter Isabel schlug völlig aus der Art: Sie managte das gesamte Auslandgeschäft von Aldi Süd. (Stefan Ender, derStandard.at, 20.4.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Werbemotiv stammt von Juergen Teller.

  • Artikelbild
    werbesujet fotografiert von lukas friesenbichle
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