Agrarbiologe Arvay: "Sollten uns nicht alles auftischen lassen"

Interview17. April 2014, 05:30
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Dank Industrie und Bürokratie werde Essen normiert. Den Bauern bleibe nichts übrig, als auf Industriesaatgut zurückzugreifen, kritisiert Clemens G. Arvay

STANDARD: Monsanto hat gerade von einer kräftigen Gewinnsteigerung berichtet. Der Konzern verdankt die gute Bilanz unter anderem den prachtvoll florierenden Saatgutgeschäften.

Arvay: Das zeigt, wie wichtig dieser Saatgutmarkt für die Agrarindustrie ist. Heutzutage agieren die Konzerne nach dem Konzept, Gesamtpakete zu verkaufen. Einerseits Pestizide gegen Schädlinge und gleich dazu ein bestimmtes Saatgut, eine bestimmte Designerpflanze, die besonders gut mit diesem Gift zurechtkommt.

STANDARD: Das ist doch sehr praktisch für die Abnehmer. Was spricht dagegen?

Arvay: Damit dieses standardisierte Designersaatgut überall auf der Welt unter verschiedensten Klimabedingungen angebaut werden kann, muss man auch standardisierte Wachstumsbedingungen schaffen. Auf der einen Seite wird ein Problem geschaffen – nämlich dass diese Pflanzen sich nicht mehr an ihren Standort anpassen –, andererseits wird das Problem durch extremen Erdöleinsatz und Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden gelöst.

STANDARD: In Ihrem neuen Buch "Hilfe, unser Essen wird normiert" haben Sie sich wieder dem Kampf gegen die Großen verschrieben. Haben Sie ein Problem mit gut verdienenden Konzernen?

Arvay: Das Problem ist nicht, dass jemand gut verdient. Das Problem sind die Folgeschäden, die durch diese Wirtschaftspolitik entstehen. Davon gibt es gerade im Saatgutbereich Unmengen. Der harmloseste ist, dass es eine Art Monopole gibt. Landwirte, die dieses Saatgut kaufen, können es nicht mehr wie früher selbst weitervermehren. Wenn Sie aus einer modernen Hybridtomate Saatgut entnehmen, wird daraus keine brauchbare Pflanze mehr entstehen.

STANDARD: Gibt es diese Bauern überhaupt noch, von denen wir Konsumenten gerne träumen und die das so möchten?

Arvay: Selbstverständlich. Es gibt viele Kleinbauern, die nicht aufhören möchten, aber aufhören müssen, weil sie durch den Druck der Großen nicht mehr mithalten können. Aber wirklich relevant ist das ökologische Problem: Seit 8.000 Jahren entwickeln sich die Kulturpflanzen unter Menschenhand weiter, passen sich an geänderte Klimabedingungen, verschiedene Standorte und die Bedürfnisse des Menschen an. Dadurch ist eine unsagbare Vielfalt mit einem unglaublichen ökologischen Wert entstanden. Was Arten und Sorten ausmacht, ist die Fähigkeit, ihre Gene weiterzugeben und sich an geänderte Bedingungen anzupassen. Durch den Totalumstieg auf die sogenannte Hybridtechnologie reißt die Entwicklung ab.

STANDARD: Ist das nicht ein Luxusproblem, wo es doch darum geht, dass Milliarden Menschen auf Erden ernährt werden müssen und das ohne Hochleistung in Produktion und Züchtung gar nicht zu bewerkstelligen ist?

Arvay: Gerade weil wir die Menschen ernähren müssen, müssen wir zurückkehren zu anpassungsfähigen Arten und Sorten. Die industriellen Turbozüchtungen, aus denen die Produkte wie das Gemüse im Supermarkt entspringen, sind biologisch degeneriert und können nicht mehr als Sorten bezeichnet werden. Wir wissen, dass das Erdöl ausgehen wird und sich die Klimabedingungen verändern. Das sollte die Alarmglocken schrillen lassen und uns bewegen, in Sachen Landwirtschaft massiv umzudenken.

STANDARD: Was wäre in Ihrer Diktion das richtige Verhältnis von samenfesten Sorten zu Hybridsaatgut?

Arvay: Die Realität ist: Wenn Sie heute den Saatgutmarkt ansehen, finden Sie praktisch nur noch industrielles Designersaatgut. Eine EU-Richtlinie besagt schon jetzt, dass maximal zehn Prozent des Saatguts einer bestimmten Pflanzenart im Umlauf sein dürfen, das nicht von der EU zugelassen ist. Zugelassen sind in der Regel die Hybridsorten. Samenfeste oder alte Sorten kommen oft nicht durch das Zulassungsverfahren und landen auf der sogenannten Erhaltungsliste.

Bei der Frage nach dem richtigen Verhältnis geht es um die schwierige Koexistenzfrage. Wenn es ein Konzept gibt, mit dem man Unmengen Geld verdienen kann, hat dann ein Konzept, das weniger Profit abwirft, überhaupt noch eine Chance? Ich würde sagen, wir müssen mindestens ein Viertel echter Sorten anbauen, weil sie nur erhalten bleiben, wenn sie Jahr für Jahr kultiviert werden. Derzeit wird aber fast ausschließlich auf industrielles Designersaatgut zurückgegriffen - auch bei Bio.

STANDARD: Sie haben einen Betrieb besucht, der sehr erfolgreich auch samenfeste Sorten einsetzt und aus wirtschaftlichen Gründen dennoch nicht auf Hybridsaatgut verzichten kann.

Arvay: Bauern meinen, dass der Konsument 20 bis 25 Prozent mehr zahlen müsste, damit sich das auch für die Produzenten ausgehen könnte. Ich finde, das ist es wert. Das bedeutet ja auch Genussqualität. Das moderne Industriesaatgut soll vor allem den Kriterien Transportfähigkeit, Strapazierfähigkeit und Optik entsprechen und möglichst uniform sein, damit die Fließbänder und Verarbeitungsmaschinen, also Industrie und Handel, damit besser umgehen können. Die Kriterien für die Zucht sind verschoben.

STANDARD: Sie können und wollen sich das leisten. Aber gehen wir da nicht eindeutig in Richtung Zwei-Klassen-Essen für den Durchschnittsbürger?

Arvay: Ich glaube, dass wir unsere Wertigkeiten beim Einkauf etwas verschieben müssen. Und ich spreche jetzt nicht davon, dass wir auf Urlaub verzichten sollen. Die Summe, die man für Fertigwaren oder vergleichbare Produkte ausgibt, kann man auch für eine wesentlich ökologischere Ernährung ausgeben. Man tut sich selbst und unserem Planten etwas Gutes, und die Landwirte, die es besser machen, könnten sich auch erholen. Das führt mich gleich zum nächsten Punkt: Warum geben wir im Supermarkt so viel aus? Das liegt daran, dass es eine ganze Marketingindustrie gibt, wo Psychologen und andere Wissenschafter beschäftigt sind, die sich tagein, tagaus nur Gedanken machen, wie man das menschliche Gehirn zum Mehrkauf verführen kann.

STANDARD: Das Marketing der Konzerne ist einer Ihrer Lieblingskritikpunkte. Als Beispiel nennen Sie etwa die Lycopin-Tomate, bei der mit dem ohnedies in allen Tomaten vorhandenen Lycopin als gesundem Farbstoff geworben wird. Ist es den Konzernen zu verdenken, dass sie die Bereitwilligkeit der Menschen, auf Marketingschmähs hereinzufallen, ausnützen?

Arvay: Nein. Aber es ist auch Autoren wie mir nicht zu verdenken, dass wir versuchen, die Menschen aufzuklären und sie auch darauf hinzuweisen, wo sie durch Marketing missbraucht werden. Gerade das Beispiel mit der Lycopin-Tomate ist für mich ein sehr schönes. Die Industrie verhökert uns Dinge, die seit Jahrhunderten ganz normal sind, als ihre innovativen Erfindungen.

STANDARD: Träumen Sie sich mit Ihren Ideen - Lebensmittelproduktion auf kleinteiligen Strukturen oder Saatgut- und Pflanzenzüchtung auf keinen Fall in der Petrischale - nicht in eine Zeit zurück, die ganz einfach vorbei ist?

Arvay: Nur, weil sich etwas seit Jahrhunderten bewährt hat, ist es nicht "rückschrittlich". Neuerungen lassen sich auch durch traditionelle Pflanzenzucht erzielen. Die sind dann in den Genen dieser Pflanzen wirklich festgeschrieben und können auch an die nächste Generation weitergegeben werden. Sie brauchen dafür auch kein Reagenzglas und keine Petrischale.

STANDARD: Die Novellierung der Saatgutverordnung wurde jüngst im EU-Parlament mit eindeutiger Mehrheit abgeschmettert. Die EU-Kommission muss jetzt einen vollkommen neuen Vorschlag vorlegen. In welche Richtung würde er gehen, wenn Sie das Sagen hätten?

Arvay: Meine Forderungen sind klipp und klar: Ich möchte, dass die EU ihre Verantwortung für eine nachhaltige Ernährungspolitik wahrnimmt, sodass sich Menschen auch in Zukunft noch ernähren können, und dass die EU ihre Kriterien für die Zulassung von Sorten überdenkt. Ich möchte, dass mehr getan wird, um Erhaltungszüchtern und Bauern ihre wertvolle Arbeit zu erleichtern. Eine Deckelung, wie viel nichtregistriertes Saatgut in Umlauf kommen darf, sollte meiner Ansicht nach komplett wegfallen, oder man muss sie zumindest deutlich dehnen.

STANDARD: Und wo sehen Sie da die Rolle der Konsumenten?

Arvay: Die Rolle der Konsumenten ist - wie so oft -, kritisch zu hinterfragen, sich um Information zu bemühen und sich Gedanken um unsere Zukunft zu machen, Scheuklappen abzulegen, wenn es um Werbung geht, und sich wirklich einzumischen. Wir sollten uns nicht alles auftischen lassen. (Regina Bruckner, DER STANDARD, Langfassung, 17.4.2014)

Clemens G. Arvay ist Biologe, Pflanzenwissenschafter und Sachbuchautor. Sein Buch "Hilfe, unser Essen wird normiert" erschien im Redline-Verlag.

  • Clemens Arvay: Wir müssen zurückkehren zu anpassungsfähigen Arten und Sorten. Die industriellen Turbozüchtungen, aus denen die Produkte wie das Gemüse im Supermarkt entspringen, sind biologisch degeneriert und können nicht mehr als Sorten bezeichnet werden.
    foto: michele pauty

    Clemens Arvay: Wir müssen zurückkehren zu anpassungsfähigen Arten und Sorten. Die industriellen Turbozüchtungen, aus denen die Produkte wie das Gemüse im Supermarkt entspringen, sind biologisch degeneriert und können nicht mehr als Sorten bezeichnet werden.

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