Die Angst der Eurokraten vor Sint-Jans-Molenbeek

16. April 2014, 13:49
28 Postings

Das Integrationszentrum "Foyer" in der Brüsseler Gemeinde Sint-Jans-Molenbeek kümmert sich seit 1969 um die Anliegen von Migranten. Direktorin Loredana Marchi erzählt von früheren und aktuellen Herausforderungen im Zusammenleben einer ganz besonderen Metropole

Rot, blau, grün und gelb sind die Plastikwindräder, die den Kanal säumen. Dieser trennt die Brüsseler Altstadt von jenem Stadtbezirk, der den höchsten Migrantenanteil aufweist. Sint-Jans-Molenbeek heißt der Bezirk auf Niederländisch, auf Französisch lautet der Name Molenbeek-Saint-Jean. An diesem sonnigen Tag lässt sich am Platz vor der Kirche St. Johannes unschwer erkennen, dass hier überwiegend Menschen aus den Maghreb-Staaten leben: Große Kinderngruppen spielen draußen, einige Männer tragen traditionelles arabisches Gewand, die Speisekarte des Kaffeehauses ist auf Französisch und auf Arabisch geschrieben, die meisten Frauen tragen ein Kopftuch.

Migrantenbezirke in Zentrumsnähe

Das ehemalige Industrieviertel erlebte in den 1960er-Jahren eine große Migrationswelle. Später zogen die Italiener und Belgier in großen Zahlen weg, viele marokkanische Familien blieben. Derzeit ist es wieder eher trendy, in dieser Gegend zu wohnen, das Viertel durchläuft eine Phase der Gentrifizierung. Im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Großstädten befinden sich die Brüsseler Migrantenbezirke in unmittelbarer Zentrumsnähe und nicht am Stadtrand.

"Foyer" seit 1969

Überquert man den Kanal und biegt in die Rue des Ateliers ein, steht man bald vor einer massiven, kunstvoll verzierten Holztür mit der Aufschrift "Foyer". Es ist ein Integrationszentrum, das sich bereits seit 1969 um Anliegen von Migranten kümmert und den Gedanken der Diversität in der europäischen Metropole Brüssel stärken will.

"Mondi separati"

Die resolute Italienerin Loredana Marchi leitet das flämische Zentrum. Sie erzählt von den getrennten Welten, "mondi separati", die in Brüssel nebeneinander existieren: Bestimmte Gruppen suchen nur bestimmte Geschäfte oder Freizeitorte auf. Es gebe viele Menschen, die ihr ganzes Leben in Brüssel gelebt hätten und noch nie einen "Eurokraten" gesehen hätten, sagt Marchi. "Umgekehrt kann man jahrelang für die EU arbeiten und noch nie einen Fuß in dieses Viertel gesetzt haben. Viele Eurokraten haben Angst hierherzukommen, wegen der vielen marokkanischen Jugendlichen."

Dialogwoche

Deshalb organisiert "Foyer" jedes Jahr eine sogenannte Dialogwoche, wo Menschen, deren Wege sich sonst in Brüssel niemals kreuzen würden, die Gelegenheit bekommen, einander auf Augenhöhe zu begegnen und ihre Erfahrungen auszutauschen. Das kann etwa die marokkanische Hausfrau sein, die versucht, mit Hilfe von "Foyer" aus ihrer häuslichen Isolation auszubrechen, oder auch der Funktionär einer EU-Institution, der neugierig auf das Leben der Menschen außerhalb des EU-Viertels ist.

Solche Dialogtische finden an verschiedenen Orten statt, etwa im Senat oder im Finanzministerium, in einer Kirche oder einer Synagoge. "Damit man in allen Sektoren der Gesellschaft über die Diversität nachdenken kann", sagt Marchi.

Empowerment

Empowerment wird in "Foyer" großgeschrieben. Jugendliche aus Migrantenfamilien können sich hier über Jobmöglichkeiten beraten lassen, Kontakte zu Sportvereinen knüpfen und vieles mehr. Frauen, die aus ländlichen Gegenden Nordafrikas kommen und sich erst allmählich an das Stadtleben gewöhnen müssen, bekommen die Möglichkeit, im "Foyer" Workshops zu besuchen und sich mit anderen Frauen auszutauschen.

Sprache als Mittel zur Exklusion

Das Beherrschen der niederländischen Sprache neben der französischen betrachtet Marchi als einen besonders wichtigen Faktor für den sozialen Aufstieg. Dreisprachige Migranten sind auf dem Arbeitsmarkt klar im Vorteil. Allerdings beklagt sie, dass Sprache vielfach nicht der Integration, sondern der Exklusion diene: "Einem Japaner, der nach Belgien zieht, sagt niemand, dass er im Vorfeld Flämisch lernen muss. Aber es gibt die Idee, dass Afghanen sich schon im Vorfeld mit der flämischen Kultur und Sprache beschäftigen müssen, um überhaupt einwandern zu dürfen. Das hat mehr mit Assimilierung als mit Integration zu tun."

Integration in Zeiten der Krise

Dass in Zeiten der Wirtschaftskrise Integrationsbemühungen nicht gerade Hochkonjunktur haben, weiß auch die langjährige Zentrumsdirektorin: "Es ist nicht leicht, wenn die Menschen keine Arbeit und wenig Geld haben. Aber generell hat Belgien eine lange Tradition des friedlichen Zusammenlebens. Es gibt hier viele Moscheen, verschiedene Geschäfte und eine Kultur der Toleranz."

Früher oder später schlagen die Menschen Wurzeln, ist Marchi überzeugt, wenn auch auf unterschiedliche Weise: "Die meisten EU-Funktionäre schicken ihre Kinder in europäische Schulen und suchen keinen Kontakt zu anderen Bevölkerungsgruppen. Viele Migranten wiederum leben zwar physisch hier, sind jedoch im Geiste in ihrem Herkunftsland und denken ein Leben lang über eine Rückkehr nach." (Mascha Dabić, daStandard.at, 16.4.2014)

  • Über den Kanal gelangt man vom Stadtzentrum nach Sint-Jans-Molenbeek. 
    foto: mascha dabić

    Über den Kanal gelangt man vom Stadtzentrum nach Sint-Jans-Molenbeek. 

  • Der Name des Ostteils der Gemeinde (Saint-Jean/Sint-Jans) geht auf die St.-Johannes-Kirche zurück.
    foto: mascha dabić

    Der Name des Ostteils der Gemeinde (Saint-Jean/Sint-Jans) geht auf die St.-Johannes-Kirche zurück.

  • Der hohe Migrantenanteil prägt das Stadtbild von Sint-Jans-Molenbeek.
    foto: mascha dabić

    Der hohe Migrantenanteil prägt das Stadtbild von Sint-Jans-Molenbeek.

  • Die Italienerin Loredana Marchi ist langjährige Direktorin des Integrationszentrums "Foyer".
    foto: mascha dabić

    Die Italienerin Loredana Marchi ist langjährige Direktorin des Integrationszentrums "Foyer".

  • Brüssel zählt 19 Gemeinden. In Molenbeek leben etwa 94.000 Einwohner, viele davon aus Nordafrika. Die Migrationsgeschichte des Stadtteils geht auf das 19. Jahrhundert zurück, derzeit ist fast jeder dritte erwachsene Einwohner Molenbeeks arbeitslos.
    foto: mascha dabić

    Brüssel zählt 19 Gemeinden. In Molenbeek leben etwa 94.000 Einwohner, viele davon aus Nordafrika. Die Migrationsgeschichte des Stadtteils geht auf das 19. Jahrhundert zurück, derzeit ist fast jeder dritte erwachsene Einwohner Molenbeeks arbeitslos.

Share if you care.