Arbeitskosten: Finnland schlägt neue Wege ein

16. April 2014, 11:12
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Hohe Profite sollen Diskussion über Lohnnebenkosten überflüssig machen, gefördert werden Zuwanderer als Hi-Tech-Unternehmer

Arbeitskosten sind ein vieldiskutiertes Thema. Vor allem hierzulande. 31,40 Euro kostet etwa eine Arbeitsstunde in Österreich. Löhne beziehungsweise Gehälter samt Steuern und Nebenkosten kamen im Vorjahr auf diesen statistischen Durchschnittswert. Vor allem der stetige Anstieg - um 18,9 Prozent mehr als im Jahr 2008 - sorgt vielfach für Kritik, vor allem auf seiten der Wirtschaft. In Deutschland fiel der Anstieg nämlich mit einem Plus von 12,2 Prozent weitaus geringer aus. Im Endeffekt kostet dort die Arbeitsstunde aber mittlerweile auch 31,30 Euro.

In Finnland will man sich dem Diktat dieser Zahlen offenbar nicht mehr uneingeschränkt beugen. Valto Loikkanen ist Unternehmensberater der Stadt Helsinki. Die Austria Presseagentur sprach mit ihm über die Rolle der Lohnnebenkosten in Finnland. "Das ist in vielen europäischen Ländern ein Problem", meint Loikkanen. "In Finnland sehen wir das heute jedoch anders. Die Frage für die Unternehmer ist es nicht so sehr, die Kosten zu senken, sondern neue Geschäftsfelder zu finden". Loikkanen spricht damit die Situation Finnlands nach dem Ende von Nokia als beinahe allmächtiger Wirtschaftsmotor des Landes und den damit verbundenen Veränderungen an.

Profitables Geschäft

"Nehmen Sie zum Beispiel die Spiele-Industrie", nennt Loikkanen eines der derzeit am liebsten hergezeigten Musterbeispiele. "Das Geschäft ist so profitabel, dass die Frage der Arbeitskosten für den Unternehmer irrelevant ist. Tatsächlich wuchs der Umsatz der elektronischen Spiele-Industrie Finnlands innerhalb von fünf Jahren (2008-2013) von 87 Mio. Euro auf 900 Mio. Euro. Der Gesamtwert der Branche (inklusive Investitionen, Lizenzen, und M&A) wird auf 2,2 Mrd. Euro geschätzt.

Es gehe nach dem Abbau vieler Stellen bei Nokia und anderen darum, fähigen Arbeitskräften ein attraktives Lebensumfeld für die ganze Familie zu bieten und sie so im Land und in der Region zu halten. Dies gelte für alle Arten von Unternehmen. "Wir haben da eine ganzheitliche Betrachtungsweise", so Loikkanen. Zu unserer Strategie gehört es, Einwanderer auch als Unternehmer so rasch wie möglich zu integrieren".

In diesem Zusammenhang machten Loikkanen und seine Kollegen interessante und überraschende Erfahrungen: 30 Prozent unserer Kunden haben ausländischen Hintergrund. Bei den Unternehmern im gehobenen (Technologie- und Service-) Bereich sind es sogar rund die Hälfte", spricht er das auch in Finnland verbreitete Vorurteil an, Zuwanderer würden in erster Linie Kebab-Läden und Billig-Pizzerias betreiben.

Loikkanen erklärt das Phänomen mit der höheren Risikobereitschaft von Zugezogenen. Im übrigen sei dieses Denkmodell keine finnische Erfindung, sondern entspräche jenem in den USA und Kanada. Eine Sprachbarriere gebe es auch in Finnland kaum, da selbst in den kleinsten Start-Ups Englisch - quasi per Voreinstellung Firmensprache sei: "Es reicht, wenn ein Mitarbeiter kein Finne ist". Auch hier herrsche die Einstellung, dass wohlintegrierte Ausländer als Zahler von Steuern - auch im Unternehmerbereich ein Vorteil für das ganze Land sei.

Politische Waffenruhe

Die politische Waffenruhe bei den Lohnnebenkosten in Finnland muss jedoch nicht ewig dauern. Auch wenn derzeit "keine einzige Partei" (Loikkanen) davon spricht, könnte sich das angesichts des aktuellen Sparpakets der bereits bröckelnden Regenbogenkoalition von Noch-Regierungschef Jyrki Katainen bald wieder ändern. In einem Jahr stehen Parlamentswahlen an. Und es ist anzunehmen, dass die politische Diskussion sich über kurz oder lang nicht auf die derzeit zur Causa Prima gewordene Kürzung des Kindergeldes beschränken wird.

Die Stadt Helsinki berät im Rahmen des Instituts Yritys Helsinki sowohl neue als auch bestehende Unternehmen - großteils zum Nulltarif. Nach eigenen Angaben wurden bisher rund 10.000 Unternehmen im Großraum Helsinki mithilfe der städtischen Consulter gegründet. Die Überlebensrate von mindestens fünf Jahren von solcherart beratenen Firmen gibt die Stadt mit 80 Prozent an. (APA/red, derStandard.at, 16.4.2014)

  • Nokia Flagship-Store im Zentrum Helsinkis.
    foto: ap/rekomaa

    Nokia Flagship-Store im Zentrum Helsinkis.

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