Sie wissen nicht, was sie tun

Kommentar der anderen15. April 2014, 18:23
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Die Kürzungsvorgaben für das Budget im Bildungsbereich sind ein grundverkehrtes Zeichen. Referenzländer wie die Schweiz und Deutschland geben ein Vielfaches aus, Österreich produziert lieber Sozialfälle und investiert in Arbeitslosengeld

"Alle müssen sparen", hört man aus dem Kanzleramt und dem Finanzministerium, "also auch die Schulen". Mit dieser Begründung kürzt man sie um 117 Millionen. Da fällt einem nur die Bibel ein: "Sie wissen nicht, was sie tun".

Ein Blick auf unsere "Staatsausgaben" beweist es: Österreich gibt erschreckend wenig für Bildung aus. Bund, Länder und Gemeinden zusammen zahlen jährlich für Schule, Wissenschaft, Universitäten, Fachhochschulen und Forschung lächerliche 10,8 Prozent der Staatsausgaben. Zum Vergleich: Der Schweiz ist die Bildung ihrer Jugend 19,5 Prozent wert; und Deutschland kommt sogar auf 21,4 Prozent seiner Staatsausgaben. Das heißt, beide Länder zahlen fast doppelt so viel für die Zukunft ihrer Kinder wie wir!

Kein Wunder, dass die OECD 2013 mit dem alten Märchen von dem vielen Geld, das wir angeblich für Bildung ausgeben, Schluss gemacht hat. Österreich ist unter 32 Staaten nunmehr auf dem miserablen Platz 24 bei den öffentlichen Ausgaben für Bildung gelandet.

Aber das ist noch lange nicht alles. Da gibt es nämlich einen höchst gefährlichen Zusammenhang zwischen dem, was ein entwickeltes Land für die Bildung zahlt und dem, was es für die soziale Unterstützung seiner Bürger ausgibt. Die Statistik Austria beziffert unsere Sozialausgaben mit 79,5 Milliarden, das ist fast punktgenau die Hälfte unserer Gesamtausgaben. Noch viel weiter geht das Sozialministerium. Seiner Berechnung nach liegt unser Sozialaufwand bereits bei 90 Milliarden Euro jährlich - das sind gigantische 56 Prozent, ein neuer Weltrekord.

Zum Vergleich: Die Deutschen begnügen sich mit einer Sozialquote von 43 Prozent und die Schweizer sogar mit 39 Prozent. Offenbar sind die Sozialkosten umso höher, je weniger ein Staat für Bildung ausgibt. Das ent- spricht einer alten Faustegel: Jeder Cent, den man nicht so früh wie möglich in die Bildung investiert, kostet uns später einen bis fünf Euro an Sozialaufwand.

Beispiele gefällig?

Wir investieren in Krippen und Kindergärten schon seit Jahrzehnten viel zu wenig; unsere Maßnahmen zur Integration von Zuwanderern, auch die monetären, sind völlig unzureichend; jahrelang haben wir das Lesen, Schreiben und Rechnen in der Pflichtschule sträflich vernachlässigt. Jetzt kriegen wir die Rechnung präsentiert: Migrantenkinder liegen bei ihren schulischen Leistungen ein Jahr hinter den einheimischen, 25 Prozent der 15-Jährigen können nicht lesen, insgesamt hat Österreich 960.000 Analphabeten, die keine Aufstiegschancen besitzen, 79.000 15- bis 25-Jährige brauchen teure Nach- und Umschulungskurse, weil sie keinen oder nur einen miserablen Pflichtschulabschluss zuwege bringen, arbeitslos sind oder bereits frühe Sozialfälle werden.

Von den 402.000 Arbeitslosen im vergangenen März hat jeder zweite nur einen Pflichtschulabschluss - und das ist heute viel zu wenig. Also: sauteure Arbeitslosigkeit, unmittelbar von der unterdotierten Schulausbildung verursacht.

Das ist die eine Seite. Die andere: Uns fehlen jede Menge Spitzenkräfte. Den Spitälern gehen die Ärzte aus, die Wirtschaft klagt über ein viel zu geringes Angebot an hochqualifizierten Technikern in vielen Sparten, Wissenschafter und Forscher gehen ins Ausland, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Ein Grund dafür ist unsere peinliche "Akademikerquote". Sie beträgt 16,8 Prozent, die deutsche hingegen 28 Prozent und jene in der Schweiz sogar 34 Prozent.

Doppelt bis vierfach

Das ist keine Überraschung, gibt doch die Schweiz ziemlich genau das Doppelte für ihre Unis aus wie wir (nämlich fünf Prozent ihrer Staatsausgaben - wir hingegen 2,6 Prozent) und Deutschland durch besondere Anstrengungen in den letzten zehn Jahren sogar das Vierfache unserer Summe. (nämlich 10,6 Prozent seiner Staatsausgaben).

Und was machen die beiden bildungsfernen Einheitssparer an unserer Staatsspitze? Sie fahren in dieser brandgefährlichen Situation auch noch die ohnehin völlig unzureichenden Mittel für unsere Unis und Fachhochschulen zurück. "Alle müssen sparen". Eine dummdreiste Politik mit dem Rasenmäher, für die letzten Endes der Sozialminister blecht.

Man braucht kein Prophet zu sein, um die Zukunft unserer Jugend vorherzusehen. Ein guter Teil wird zu staatlichen Frühestrentnern, der Rest geht in Privatschulen und studiert im Ausland - dank Bundeskanzler Faymann und Finanzminister Spindelegger. Was sagte die führende deutsche Wochenzeitung Die Zeit kürzlich über unsere beiden Staatenlenker und ihre Mannschaft: "Diese Regierung verfügt über keinen Plan für ihre Arbeit, ihr Programm ist ein Friedhof hohler Phrasen."

Wie lange lassen wir uns das eigentlich noch gefallen? (Bernd Schilcher, DER STANDARD, 16.4.2014)

Bernd Schilcher (73) war Uni-Professor in Graz, ÖVP-Klubobmann im steirischen Landtag und Präsident des steirischen Landesschulrats. Er ist Mitinitiator des Bildungsvolksbegehrens. 

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