"Diese Geschichte wurde noch nicht geschrieben"

16. April 2014, 17:15
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Suzana Milevska erforscht partizipatorische Kunstprojekte sowie Beziehungen zwischen Gender-Theorie und Feminismus

STANDARD: Seit Oktober haben Sie die erste Stiftungsprofessur für Zentral- und Südosteuropäische Kunstgeschichte an der Akademie der bildenden Künste in Wien inne. Was sind Ihre Pläne?

Milevska: Als ich zu unterrichten anfing, fragte ein Student, welche Länder wir abdecken würden. Da wurde klar, dass ich keine Länder abdecken werde, sondern vielmehr durchgehe, wie bestimmte Kunstpraxen sich gegenseitig beeinflussten. Es geht zum Beispiel um den Umgang mit dem kommunistischen Regime und darum, wie die Künstler hier zu völlig unterschiedlichen Antworten kommen. Das ist die Methodologie - aber wie ich mit den Studierenden arbeite, ist genauso wichtig. Ich versuche sie so viel als möglich einzubeziehen. Diese Kunstgeschichte wurde bisher noch nicht geschrieben. Ich möchte die Studierenden einladen, gemeinsam mit mir diese neue Geschichte zu produzieren.

STANDARD: Wie sieht das aus?

Milevska: In diesem Semester haben wir eine Art Brieffreunde-Projekt. Die Aufgabe ist, mit einem Studierenden aus dieser Region in Kontakt zu treten und eine Konversation anzufangen. Die Studierenden sollen nicht das Gefühl haben, auf der anderen Seite des Pultes zu stehen, sondern aktive Mitgestalter dieses Kurses zu sein.

STANDARD: Anfang April fand das Symposium "On Productive Shame, Reconciliation and Agency" statt, das Sie konzipiert haben. Um welche Scham ging es dabei?

Milevska: Es ging um produktive Scham; das ist etwas anderes als das gewöhnliche Verständnis von Scham. Ich habe dabei nicht so sehr an individuelle, sondern an kollektive Scham gedacht. Der Theoretiker Paul Gilroy spricht von paralysierender Schuld: vererbte, kollektive Schuld nach Konflikten oder großen Traumata. Paralysierende Schuld stellt keine Strategien bereit, um das Vergangene zu überwinden. Deshalb schlägt er ein Konzept der produktiven Scham vor. Die Schuld wird angenommen - aber als etwas, das verarbeitet werden kann. Ein sehr viel optimistischeres Konzept.

STANDARD: Sie selbst haben ein Panel moderiert, das sich mit partizipatorischer Forschung beschäftigte. Wie funktioniert dieser Ansatz?

Milevska: Es ging um ein fotografisches Forschungsprojekt, das von Karin Schneider und Tal Adler vorgestellt wurde: "Participation and Representation in the Doing of History in Austria", das mit vererbter Schuld und produktiver Scham im Kontext des Nationalsozialismus in Österreich arbeitet. Es basiert auf Fotografien von Landschaften, in denen traumatische Ereignisse passiert sind. Dazu baten die zwei Künstler Vereinigungen, darunter den Alpenverein und Kirchenverbände, um Zugang zu deren Archiven.

STANDARD: Was ist der Unterschied zu herkömmlicher Forschung?

Milevska: Dort steht ein anonymer Forscher einem anonymen Archiv gegenüber. Bei der partizipatorischen Forschung werden Beziehungen mit verschiedenen Menschen aufgebaut. Es ist so einfach - aber auch so viel produktiver. Die ganzen vorhandenen Erinnerungen werden durch ein Gegenüber gewissermaßen aktiviert. Vielleicht aktiviert man damit sogar produktive Scham.

STANDARD: Wie wichtig ist der Aspekt der Partizipation in der Kunst?

Milevska: Auch Partizipation kann problematisch sein, jedes partizipatorische Konzept enthält bestimmte Hierarchien. Aber im Kern ist Partizipation genau jenes Element, das Hierarchien angreift - ob nun in Kunstinstitutionen oder in der Gesellschaft allgemein. Die Kritik ist, dass Kunst von sehr wenigen Menschen produziert, konsumiert und verbreitet wird. Die Kunstpraxis soll für einen demokratischen Gebrauch geöffnet werden.

STANDARD: Ist das nicht durch Museen ausreichend gewährleistet?

Milevska: Natürlich argumentieren viele Künstler, dass man Kunstwerken überall begegnen kann und jedes Museum partizipatorisch ist. Aber das ist etwas anderes. Bei partizipatorischer Kunst geht es nicht darum, Kunst als ein Objekt zu nutzen, das ausgetauscht wird, sondern vielmehr als Treffpunkt, als Plattform für Begegnungen. Oft geht es nicht einmal um Objekte. Beziehungen zwischen Menschen ersetzen gewissermaßen die Materialität des Objektes.

STANDARD: Sind solche Begegnungen in neoliberalen, reglementierten Zeiten wie unseren besonders wichtig für einen zivilgesellschaftlichen, demokratischen Diskurs?

Milevska: Ich sehe durchaus eine Verbindung zur Repräsentationspolitik in Demokratien. Der Begriff Repräsentation hat viele Bedeutungen. In der Kunst bedeutet er die Repräsentation der Welt. In der Politik bezeichnet man damit, wie verschiedene Gruppen oder Individuen in diesem Verwaltungsapparaten repräsentiert sind. Partizipatorische Kunst bringt diese beiden Bedeutungen in gewisser Weise zusammen.

STANDARD: Welche Gruppen spricht partizipatorische Kunst an?

Milevska: Vielleicht trifft es die Bezeichnung "unterprivilegiert". Wenn wir zu zählen anfangen, ergeben alle diese Gruppen die Mehrheit der Gesellschaft. Generell kann jeder sich auf die eine oder andere Art unterprivilegiert finden. Es gibt das Phänomen, dass jede marginalisierte Gruppe in sich selbst ihre eigene marginalisierte Gruppe hat. Zum Beispiel die albanische Mehrheit im Kosovo, die Roma gegenüber sehr restriktiv ist; obwohl sie in Jugoslawien einst selbst unterprivilegiert war. Elitäre Gruppen finden immer einen Weg, bestimmte Gruppen auszuschließen. Das wird in der Kunstwelt reproduziert, denn Kunst ist nicht von der Gesellschaft isoliert. Die Roma sind eine der unterprivilegiertesten Gruppen in Europa. Selbst demokratische Gesellschaften pflegen einen sehr restriktiven Umgang mit den Roma. Für manche ist das vielleicht nicht weiter absonderlich. Aber ich bin Humanistin - mich befremdet es.

STANDARD: Sie untersuchen auch die Beziehung zwischen Gender-Theorie und Feminismus.

Milevska: Als ich in London meinen Doktor machte, war ich sehr vom angelsächsischen Feminismus beeinflusst. Die Gender-Theorie wurde damals sehr einflussreich, politisch aktive Feministinnen waren in der akademischen Welt marginalisiert. Ich bestehe darauf, zu unterscheiden: Gender-Theorie ist sehr wichtig, sie hat klar formuliert, wo die Probleme des Patriarchates liegen. Was aber die politische Aktion betrifft, wurde die Gender-Theorie zu einer Art akademischem Kompromiss für feministische Ziele. Es gibt hier sehr klar formulierte Ziele - und diese werden innerhalb der Gender-Theorie nicht immer geteilt.

STANDARD: An welchen Beispielen würden Sie das festmachen?

Milevska: Ich habe von vielen Kolleginnen und Kollegen gehört, die Glasdecke sei "langweilig". Ich würde niemals "Dieses Problem ist langweilig" sagen - bis es nicht verschwunden ist. In politischen Zusammenhängen zählen die Tatsachen. Statistiken zeigen oft Fakten, die das genaue Gegenteil theoretischer Annahmen sind. Wenn man in Museen geht und Kunstwerke von Frauen jenen von Männern gegenüberstellt, wie das etwa von den Guerilla Girls gemacht wurde, sieht man: Die Männer sind in der überwältigenden Mehrheit. Da kann man nicht sagen, die Glasdecke sei langweilig. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 16.4.2014)


Suzana Milevska, geboren 1961 in Bitola (Mazedonien), ist Kunst- und visuelle Kulturtheoretikerin, Kuratorin und bis Juli 2014 Stiftungsprofessorin der Erste Stiftung für Zentral- und Südosteuropäische Kunstgeschichte an der Akademie der bildenden Künste Wien.

  • Angesichts der erdrückenden Überzahl männlicher Künstler in Museen findet Suzana Milevska: "Man kann nicht sagen, die Glasdecke sei langweilig.
    foto: standard/corn

    Angesichts der erdrückenden Überzahl männlicher Künstler in Museen findet Suzana Milevska: "Man kann nicht sagen, die Glasdecke sei langweilig.

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