Hosentrend: Endlich Entspannung

19. April 2014, 12:02
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Nachdem man sich ein Jahrzehnt lang in extrem enge Hosen gezwängt hat, scheint sich gerade eine neue Sehnsucht nach mehr Volumen abzuzeichnen - Über die Rückkehr der legeren Beinkleidung

Mit einem Sager hat sich Karl Lagerfeld, der Chefzyniker unter den Designern, sogar in die Herzen jener eingebrannt, die sich eigentlich gar nicht für Mode interessieren: Wer Trainingshosen trage, der habe die Kontrolle über sein Leben verloren, meinte er vor ein paar Jahren. Man merke dabei nämlich gar nicht, ob man zugenommen habe.

Immerhin weiß Lagerfeld, wovon er redet: Fotos aus den 1980er-Jahren zeigen ihn in einem weiten Yamamoto-Sakko und Bundfaltenhosen. Trotzdem funktionierte sein Oversized-Look nur bedingt, denn um sein rundes Bäuchlein spannten sogar die extrem groß geschnittenen Klamotten. Lagerfeld hungerte sich im Jahr 2000 stolze 40 Kilo herunter, und zwar aus Gründen, die eines Designers durchaus würdig sind: aus purer Modebegeisterung. Er wollte den neuesten heißen Scheiß anziehen, und der setzte nun einmal nicht auf Volumen, unter dem man ein paar Kilos zu viel verstecken kann. Der Franzose Hedi Slimane, damals Chefdesigner von Dior Homme, verordnete der Herrenmode eine extrem schmale Silhouette. Der muskulöse Mann war out, der zierliche Boy war angesagt. Skinny Jeans waren das Beinkleid der Stunde - und sie sollten es erstaunlich lange bleiben.

Über ein Jahrzehnt lang dominierte die schmale Hose sowohl auf den Laufstegen als auch im Alltag. Eigentlich erstaunlich, haftet der Mode doch der Mythos der Schnelllebigkeit an. Doch anscheinend ähneln manche Megatrends Zombies: Sie sind einfach nicht totzukriegen. Freilich gab es für Frauen zeitgleich auch die haaremsartigen Sarouel-Hosen und die Boyfriend-Jeans. Und bei den Männern zeichnete sich in den letzten Jahren massiv ab, dass Street- und Sportkleidung einen Siegeszug bis in die High Fashion hingelegt hat. Nach den Buben steht nun der männliche Athlet wieder hoch im Kurs. Und der soll möglichst lässig daherkommen - bequem angezogen wie nach dem Training.

Neue Entspanntheit

"Ihr dürft euch zurücklehnen!", rief die deutsche Tageszeitung Die Welt den Männern nach den aktuellen Modenschauen für die Wintersaison 2014/15 zu. In Paris, London und Mailand wurde eine neue Entspanntheit zur Schau gestellt. So manche amerikanische Modezeitschrift fragte noch etwas irritiert: Back to Baggy? So viele weite Hosen hatte man seit den 1990er-Jahren nicht mehr gesehen. Es dominieren Falten, die den Körper wie ein Pyjama umschmeicheln. Haider Ackermann und Armani zeigten bei ihren Winterhosen die Dandy-Variante in Samt, die sportlich-elegante Version kommt von Givenchy, und auch Bottega Veneta setzte in der Herrenkollektion auf Gummizüge. Italo Zucchelli entwarf für Calvin Klein oben enge und unten fließend weite Hosen.

Auch der dänische Modeliebling Henrik Vibskov vertraut auf Beinfreiheit. Sogar Thom Browne, der Theaterregisseur unter den Designern, bekannt für seine extrakurzen Hosen und extraschmalen Sakkos, setzt kommenden Winter exzessiv auf Volumen: Wie Michelin-Männchen sehen seine Models aus. Das belgische Kollektiv Maison Martin Margiela schneidert Mäntel mit großen Krägen und breiten Schultern. Wer im Vorjahr in der H&M-Kollektion den dunkelblauen Wollmantel in Übergröße, ein Revival aus dem Jahr 2000/2001, erstanden hat, der liegt goldrichtig: Ein beinahe identisches Modell taucht in der Herrenwintersaison des nächsten Jahres auf.

Wieder mehr Volumen

Bei Hosen darf es bereits diesen Sommer ruhig ein bisschen weiter sein: Bei Hip-Hop-Darling Alexander Wang sind Trainingshosenanklänge zu finden, und der sympathische deutsche Modemacher Tim Labenda, der sich durch das tranige Fernsehformat Fashion Hero quälen musste, kann aufatmen: Seine stets weiten Hosen waren dem Zeitgeschmack voraus. Aber auch bei den Frauen gibt es Veränderungen: Diesen Sommer sind sogenannte Culottes angesagt, das sind extrem weite, knie- oder wadenlange Hosen, die auf den ersten Blick oft nur schwer von einem Rock zu unterscheiden sind. Culottes sind von Mulberry bis Dior, von Givenchy bis Valentino flächendeckend in allen Sommerkollektionen zu finden. Und, für manche ein wahrer Schreck, auch Rock über Hose scheint wiederzukehren.

Zurück zum Volumen heißt das Motto der Stunde. Karl Lagerfeld könnte seine alten Yamamoto-Sakkos und weiten Bundfaltenhosen also ruhig wieder aus dem Schrank holen. Nur eines sollte er besser bleibenlassen, wenn er nicht alt aussehen möchte: gegen Jogginghosen zu wettern. Das machen mittlerweile nämlich nur noch Spießer und Menschen, die von Mode keine Ahnung haben.  (Karin Cerny, Rondo, DER STANDARD, 18.4.2014)

  • In den Frühjahrskollektionen sind weite Hosen allgegenwärtig, im Herbst werden es noch mehr werden. Links ein Model von Cos.
    foto: cos

    In den Frühjahrskollektionen sind weite Hosen allgegenwärtig, im Herbst werden es noch mehr werden. Links ein Model von Cos.

  • Diese Culottes, so heißen die extrem weiten Hosen, sind von Marni.
    foto: marni

    Diese Culottes, so heißen die extrem weiten Hosen, sind von Marni.

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