Rekrutierung und Drohungen in Donezk

15. April 2014, 17:15
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Während am Dienstag die von Kiew geplante Militäraktion in der Ostukraine anlief, kam das öffentliche Leben in der Region fast zum Stillstand

Bewaffnete Militäreinheiten prägen dieser Tage das Bild in vielen Teilen der Ostukraine. Aus Donezk, Dnipropetrowsk und Charkiw werden seit der Nacht zum Dienstag Bewegungen der ukrainischen Armee gemeldet - wohl der Beginn der von Interimspräsident Alexander Turtschinow angekündigten Militäraktion.

Am Dienstagnachmittag gab es schließlich Berichte des Verteidigungsministeriums in Kiew über eine Aktion in Kramatorsk; es seien dabei Schüsse gefallen. Damit hat sich der Konflikt verschärft. Denn die prorussischen Gruppen, die seit Tagen Gebäude in der Region und Stadt Donezk besetzt halten, machten vorerst keinerlei Anstalten aufzugeben.

Schusswechel, Plünderungen

Aus der Ostukraine kamen Berichte von Plünderungen und Gewaltandrohungen gegenüber Zivilisten, vor allem in Slawjansk. Prorussische Bewaffnete umstellten angeblich die Stadt und konfrontierten sich mit ukrainischem Militär. Es soll zu Schusswechseln gekommen sein; bestätigte Berichte fehlten aber vorerst.

Schulen und Kindergärten waren geschlossen, der öffentliche Nahverkehr eingestellt. Zudem machten Berichte die Runde, wonach Bewohner systematisch von maskierten Uniformierten verprügelt würden. Als er offen sagte, er befürworte die Einheit der Ukraine, hätten die Männer angekündigt, sie würden Verstärkung holen, um ihn zu erschießen, berichtete ein Mann im lokalen Fernsehen.

In den besetzen Gebäuden in Gorliwka hatte der Militäreinsatz bis zum Abend keine Ergebnisse gebracht. Dort hielten Bewaffnete die Polizeistation und das Büro der Stadtverwaltung besetzt. In acht weiteren Städten der Region Donezk schwelten Unruhen. In Andrejewka, nahe Slowjansk, steckten Unbekannte das Gebäude der Stadtverwaltung in Brand.

Die Regierung in Kiew wirkt verunsichert. Man weiß, dass das Land eine militärische Auseinandersetzung mit Russland nicht gewinnen kann. Dennoch sind seit Anfang April 19.000 Männer eingezogen worden.

In der Ostukraine erhalten die Streitkräfte finanzielle Hilfe von Unternehmern; auch Oligarchen sollen sich an der Bezahlung der Truppen beteiligen. Die ukrainische Tageszeitung Segodna berichtete vor ein paar Tagen, dass der Gouverneur von Dnipropetrowsk, der Milliardär Igor Kolomoiskij, das Militär unterstützt. Auch der Gouverneur von Donezk, Sergej Taruta, beteiligt sich an der Truppenfinanzierung.

Aber auch lokale Geschäftsleute wie Irina Fedorowa, Chefin der Stahlfirma Makeewka, helfen aus eigener Tasche. "Ich fahre mehrmals in der Woche zu unseren ukrainischen Truppen, die in der Region ihr Camp aufgeschlagen haben und sehe nach dem Rechten", sagte die resolute Frau zum Standard. Mit Fahrern und zwei BWM-Geländewagen sei sie vor ein paar Tagen bei einer Gruppe von 400 Soldaten im Dorf Nowi Swest, rund 15 Kilometer von der ukrainisch-russischen Grenze, gewesen.

Ähnlich Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko: Anstatt die Wahlkampfkampagne zu organisieren, solle ihre Vaterlandspartei bei der Rekrutierung helfen, heißt es in einem Schreiben.

Vor allem Junge sind enttäuscht vom Westen. "Warum hören wir von den demokratischen EU-Ländern nur warme Worte, wieso weisen sie Russland nicht mit wirtschaftlichen Mitteln in die Schranken?", fragt Igor Valentinow, Student in Donezk. "Ich bin bereit, meine Heimat aktiv zu verteidigen." (Nina Jeglinski aus Donezk, DER STANDARD, 16.4.2014)

  • Maskierte prorussische Demonstranten vor der Regionalregierung in Donezk. Während Besetzer vieler öffentlicher Gebäude weiter nicht aufgaben, lief am Dienstag der Militäreinsatz an. 
    foto: reuters/djurica

    Maskierte prorussische Demonstranten vor der Regionalregierung in Donezk. Während Besetzer vieler öffentlicher Gebäude weiter nicht aufgaben, lief am Dienstag der Militäreinsatz an. 

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