Kleinere Klassen bringen sehr wohl etwas

Leserkommentar15. April 2014, 17:02
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Die Debatte um Klassengrößen aus der Sicht eines Lehrers

Als der neuseeländische Pädagoge John Hattie seine großangelegte Metastudie "Visible learning" (Lernen sichtbar machen) veröffentlichte, die im Jargon zur "Hattie-Studie" wurde, warnten Berufskollegen schnell vor einem "Fastfood-Hattie", bei dem dessen Erkenntnisse auf verkürzte, medial gut verwertbare Slogans reduziert werden. Einer davon, von den Medien bereitwillig aufgegriffen, war: "Kleine(re) Klassen bringen nichts!" Darauf verweisen Diskutanten in Foren, und auch Christa Koenne verwies letzte Woche in ihrem "ZiB 2"-Auftritt auf entsprechende Studien, die den Effekt der Klassengröße auf den Lernoutput als gering ausweisen.

Es überrascht nicht, dass schon in den ersten Medienberichten zu Hattie süffisant darauf hingewiesen wurde, dass sich Bildungspolitiker besonders über diese Erkenntnis Hatties besonders freuen würden, da es hier um einen kostenintensiven Bereich geht und die Forderung nach Investitionen damit abgewehrt werden könnte.

Hattie, einmal differenziert

An dieser Stelle macht es Sinn, einen Blick in Hatties Buch ("Lernen sichtbar machen", Baltmannsweiler 2013) zu werfen, in dem der ganze Sachverhalt weitaus differenzierter dargestellt wird: Hattie bemerkt zunächst selbst die Diskrepanz zwischen den positiven Erfahrungen, die viele Lehrende in kleineren Lerngruppen machen, und einer großen Anzahl an Studien, die tatsächlich eine geringe Relevanz der Klassengröße für die Lernleistung belegen. Doch geht es hier allein um die effektive Lernleistung – die Arbeitsbedingungen sowohl für Schüler wie auch Lehrer verbessern sich sehr wohl und sorgen daher für ein angenehmeres Klima im Klassenraum, da Interaktionen zwischen allen Beteiligen erleichtert werden (102).

Aus der Tatsache einer kleineren Klasse folgt aber, so Hattie, nicht zwingend (!) eine bessere Lernleistung, und zwar dann nicht, wenn Lehrende mit der kleineren Lerngruppe nichts Kreatives anzufangen wissen, sondern stereotyp dieselben Unterrichtsformen einsetzen, die sie schon immer angewandt haben. Mit anderen Worten: Kleinere Klassen allein bringen wenig für den Lern-Output, sie bieten aber eine exzellente Möglichkeit dafür, verstärkt Lehrformen einzusetzen, die Lern-Outputs tatsächlich effektiv verbessern (zum Beispiel Feedback, Interaktion etc.).

Es müssten die Lehrenden lediglich dazu in die Lage versetzt werden, diese Lehrformen auch in den Unterricht zu implementieren, es liegt also nahe, dass "wenn man Lehrpersonen für ihre Arbeit mit kleineren Klassen entsprechend fortbildet, viele dieser optimalen Strategien tatsächlich wirksam werden könnten" (104). Das liest sich schon etwas anders, als die medialen Parolen suggerieren wollen.

Größere Klassen bringen noch weniger ...

Die österreichische Bildungspolitik in Person von Ministerin Heinisch-Hosek begnügt sich freilich nicht damit, Lerngruppen nicht zu verkleinern, sie werden stattdessen sogar vergrößert. Da Hattie zwar einen geringen, aber trotzdem vorhanden positiven Effekt von kleineren Klassen konstatiert, schließt er sein Kapitel mit dem Bemerkung, dass sich "zeigt, dass eine Vergrößerung der Klassengröße eine schlechte Politik ist" (!) (105). Ein bitterer Nachgeschmack also, der hier vom "Fastfood-Hattie" übrigbleibt. (Christian Feichtinger, Leserkommentar, derStandard.at, 15.4.2014)

Christian Feichtinger (geb. 1981) ist Universitätsassistent am Institut für Katechetik und Religionspädagogik der Uni Graz und unterrichtet am BG/BRG Bruck an der Mur.

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