Kreatur und Kanaldeckel

15. April 2014, 17:42
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Thomas Krauß' Fassung von Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck" in Innsbruck

Eine Ebene aus rostigem Eisen schwebt schräg über einem Meer schwarzer Müllsäcke. Dahinter springt eine schwarze Wand empor, auf der Büchners erschütternde Parabel des verlassenen Kindes in Kinderschrift geschrieben steht (Bühne: Ursula Beutler).

Auf halber Höhe der schwarzen Wand hockt der Narr (Janine Wegener) und beäugt das Geschehen, das mit der Jahrmarktszene beginnt. Der Ausrufer (Kristoffer Nowak) führt die Kreatur Woyzeck, die unter einer Affenfratze steckt und sich im grellen Scheinwerferlicht auf einem Kanaldeckel dreht, den Umstehenden zur Belustigung vor. Zu sehen: Thomas Krauß' Fassung des Dramenfragments von Georg Büchner am Tiroler Landestheater.

Büchners Woyzeck ist mit seiner knappen Sprache und den moralischen Denkansätzen seiner Zeit weit voraus. 1836 beginnt Büchner an den Szenen zu arbeiten, durch seinen frühen Tod bleibt das Stück jedoch unvollendet und von der Öffentlichkeit unbeachtet. 1913 wird es schließlich uraufgeführt und ansatzlos als ein Schlüsselwerk der Moderne erkannt.

Woyzeck (Benjamin Schardt), verfolgt von Wahnvorstellungen, verdingt sich als Soldat, erduldet das abfällige Gerede des Hauptmanns (Jan Schreiber) und stellt gegen Geld seinen Körper dem Doktor (Thomas Lackner) für dessen Experimente zur Verfügung.

So bestreitet er den Lebensunterhalt für seine Marie (Sara Nunius) und sein Kind. Marie jedoch hat es der fesche Tambourmajor (Stefan Riedl) angetan, dem sie sich umstandslos hingibt.

In Krauß' Inszenierung bleiben sich Woyzeck und Marie stets auf Distanz. Marie agiert abgehoben aus ihrer erhöhten Kammer, zu der er scheinbar keinen Zutritt hat. Erst am Ende streicht Marie vorsichtig über Woyzecks Gesicht, im Gegenzug rammt dieser ihr das Messer in den Unterleib. (dns, DER STANDARD, 16.4.2014)

  • Woyzeck (Benjamin Schardt, links) wird in Innsbruck als Jahrmarktsattraktion gezeigt.
    foto: tiroler landestheater

    Woyzeck (Benjamin Schardt, links) wird in Innsbruck als Jahrmarktsattraktion gezeigt.

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