Wien: Prozess um die tödliche Biowaffe Rizin aus dem Internet

15. April 2014, 15:34
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Ein 34-Jähriger sitzt vor Gericht, da er sich das hochgiftige Rizin aus den USA hat liefern lassen. Auf diese Idee brachte ihn eine Fernsehserie

Wien – Manchmal kopiert das Leben fast das Fernsehen. Wie im Fall von Anton Kudlich (Name geändert, Anm.), den quasi die US-TV-Serie "Breaking Bad" vor Richter Wolfgang Etl gebracht hat. Angeklagt ist der 34-Jährige, weil er gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen hat – was nicht sonderlich spannend klingt, hätte er sich nicht im vergangenen Herbst via Internet das hochwirksame Pflanzengift Rizin in den Vereinigten Staaten bestellt – was zu Terroralarm beim FBI und beim heimischen Verfassungsschutz geführt hat.

"Es war ein undurchdachter Lausbubenstreich für Erwachsene", beschreibt Verteidiger Philipp Wolm das Vorgehen seines Mandanten. "Er wollte nur ausprobieren, ob eine Bestellung funktioniert, den Rest der Zeit war er nur mehr damit beschäftigt, das Rizin loszuwerden. Die kriminelle Energie ist gleich null."

Todkranker Angeklagter

Kudlich ist ruhig und ausnehmend freundlich, gesteht alle Anklagepunkte ein und erzählt, wie er auf die Idee gekommen ist. Der Mann ist Frühpensionist und todkrank – ebenso wie der Protagonist in "Breaking Bad". Und aus dieser Serie erfuhr er erstmals von der Existenz des Toxins. "Wofür ist es denn dort verwendet worden?", fragt ihn Etl. "Das weiß ich nicht, ich habe es dann nicht mehr verfolgt." Hätte der Angeklagte es gemacht, wüsste er, dass damit Menschen ermordet wurden.

0,25 Milligramm Rizin sollen ausreichen, einen Menschen zu töten – Kudlich hatte 0,4 Milligramm bestellt, auf einer Internetseite, über die er aus den Medien erfahren hatte. Auf dem Marktplatz kann mit der anonymen Internetwährung Bitcoin allerlei Illegales geordert werden. Kudlich verwendete einen falschen Namen, aber seine richtige Adresse.

Wofür er das Gift eigentlich brauchte, will Etl wissen. "Ich wollte eigentlich nur wissen, wie es aussieht", hört er als Antwort. "Und wozu braucht man es?" Kudlich antwortet zunächst nicht – und nennt dann doch ein mögliches Motiv: "Das hätte mir vielleicht ein Jahr erspart."

Gift in Mutters Waschküche

Im Gegensatz zu ebenso bestellten Pistolen kam das Rizin tatsächlich in Wien an. "Was haben Sie dann damit gemacht?", interessiert den Richter. "Ich habe es in einer Schatulle in der Waschküche meiner Mutter versteckt." Dort blieb es auch, bis im Dezember das Bundesamt für Verfassungsschutz vor der Tür stand. Schließlich befürchten Geheimdienste weltweit seit Jahren, dass das seit Jahrtausenden bekannte Gift für Terroranschläge eingesetzt werden könnte.

"Als die Polizei da war, habe ich überhaupt nicht gewusst, was ich machen soll. Da habe ich es in Panik einfach ins Klo gespült", schildert Kudlich die wenig fachgerechte Entsorgung des als biologischer und chemischer Kampfstoff klassifizierten Giftes. Die Eignung zum tödlichen Kriegseinsatz ist übrigens auch der Grund, warum das Außenwirtschaftsgesetz zuständig ist – der Handel damit ist verboten.

"Tut weh, wie deppert ich war"

"Was haben Sie denn daraus gelernt?", legt Verteidiger Wolm dem Angeklagten die rhetorische Spur. "Dass ich es nicht mehr mache", sagt der Angesprochene. "Es tut mir jedes Mal so weh, wenn ich denke, wie deppert ich war." Wolm geht noch extra auf den Gesundheitszustand seines Mandanten ein und hört, dass die Ärzte diesem noch ein bis zwei Jahre zu leben geben.

Die Länge der Probezeit, die Richter Etl verhängt, ist also möglicherweise auf tragische Art irrelevant. Er muss sie dennoch festsetzen und verurteilt den 34-Jährigen rechtskräftig zu sechs Monaten bedingt auf drei Jahre. (Michael Möseneder, derStandard.at, 15.04.2014)

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