Kino wider die "Creative Industries"

28. August 2003, 14:04
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Viennale 2003 mit Weltkino, US-Retrospektiven und "News from Home" zum aktuellen österreichischen Film - neue/alte Spielstätte: die Urania

Wien - Der Countdown zur Viennale 2003 läuft: Flankiert vom gewöhnungsbedürftigen neuen Viennale-Plakat, einem gemalten blauen Rinderkopf auf weißem Grund, präsentierte Direktor Hans Hurch am Freitag einen Überblick über Programm und Programmatik des Vienna International Film Festivals (17. bis 29. Oktober):

"Möglichst wenig Raum für das, was man den ,Kulturbetrieb' nennt, oder schlimmer, ,creative industries'", dafür die "Betonung eines roheren, primitiveren Kinos. Primitiv im ursprünglichen Sinn von Geradlinigkeit und Kraft."

Attribute, die etwa auf das Werk des US-Dokumentaristen Emile de Antonio zutreffen, dem heuer eines der Tributes gewidmet ist. Oder auch für die Arbeit des US-Schauspielers und Regisseurs Vincent Gallo gelten können, dem ein Special gilt.

Die Viennale-Retro ab 4. Oktober im Filmmuseum würdigt heuer die japanische Art Theatre Guild, die mit ihrer Verleih- und Produktionstätigkeit einen wesentlichen Beitrag zur Erneuerung des japanischen Kinos in den 60er-Jahren leistete. Im Hauptprogramm ist neben neuen Filmen von Gus van Sant, Lars von Trier oder Zelimir Zilnik etwa die internationale Premiere des zweiten Teils von Frederic Wisemans Domestic Violence zu sehen.

Unter dem bei Chantal Akerman entlehnten Titel News from Home widmet die Viennale dem heimischen Filmschaffen heuer einen eigenen Schwerpunkt: Eine Reaktion auf die Vorgänge rund um die Neubesetzung der Diagonale-Intendanz, die Hurch neuerlich als fragwürdig und willkürlich bezeichnete.

Neue "Buberlpartie"

Er fände es ungewöhnlich, dass der verantwortliche Politiker - Kunststaatssekretär Franz Morak (VP) - scheinbar "nicht mutig genug" sei, sich mit der bereits vor drei Monaten berufenen, neuen Festivalleitung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Weiters kritisierte Hurch, dass es seitens der heimischen Filmszene wenig konkrete Solidarität und teilweise "offenen Opportunismus" gäbe. Der Umgang mit der Diagonale sei Teil einer neuen Politik des Bundes, die Hurch angesichts der Erfolge des österreichischen Films für verantwortungslos hält - aber es formiere sich derzeit offenbar eine neue "Buberlpartie" rund um den Staatssekretär.

Während des Festivals gelangen jedenfalls Barbara Alberts Böse Zellen oder Goran Rebics Donau, Duna, Dunaj zu ihrer österreichischen Erstaufführung, in Verhandlung ist man außerdem wegen Michael Hanekes Wolfzeit.

Für Gesprächsstoff ist also gesorgt, den Raum für Debatten wird die "Viennale Zentrale", der neue Festivaltreff in der Urania bieten. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2003)

Von Isabella Reicher

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