Was das kollektive Bildungsversagen für uns bedeutet

Leserkommentar14. April 2014, 16:50
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Eine Lehrerin über ihre Erfahrungen im Alltag

Es war das Jahr des EHEC-Skandals, als mir eine freundliche junge Dame an einer Straßenkreuzung ein österreichisches Exemplar der kollektiv in Misskredit geratenen Gurken aufdrängte, um mein Vertrauen in die heimischen Gemüsebauern zu erhöhen. Die Gurke war gut. Was mich damals schon in Rage versetzte, war der in etwa zeitgleich publik gewordene Plan des (damals noch eigenständigen) Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, die Förderungen für Druckkostenzuschüsse und Symposien ersatzlos zu streichen. Es protestierte nur die wissenschaftliche Community. Eh(ec) klar - die hat auch keine Gurken zu verteilen, sondern Immaterielles.

In Tagen wie diesen, in denen eine ausgebildete Hauptschullehrerin, von der ich bisher das Beste gehalten habe, in ihrer Funktion als Ministerin eine skandalöse Spardirektive unwidersprochen hinnimmt, erinnere ich mich wieder an die Gurken von 2011. Ich hielt den Angriff auf die wissenschaftliche Gemeinschaft für untragbar - und fühlte mich durch die zeitgleiche Gurken-Imagekampagne nachhaltig gefrotzelt. Heute bin ich über die Attacke auf das Bildungssystem - ich weiß nicht: "entsetzt" ist ein zu milder Ausdruck. Es entbehrt jeder Logik, am Ast herumzusägen, auf dem wir alle sitzen; mir fehlen die Worte - beinahe so wie meinen Schülerinnen und Schülern.

Fehlendes Ausdrucksvermögen

Kürzlich fragte mich einer von ihnen in einer zweiten NMS-Klasse, übrigens ein Kind mit deutscher Muttersprache, was "wiehern" bedeutet - nur ein Beispiel von vielen gängigen Wörtern, die unter Umständen einem Kind "mit Migrationshintergrund" geläufiger sind als einem, bei dem besagter Hintergrund schon ein paar Jahrhunderte alt ist. Das Ausdrucksvermögen und, als direkte Folge, das Gespür für angemessene Wortwahl im zwischenmenschlichen Umgang sind Dauerbrenner im Unterricht - durch die Bank, auch bei Kindern mit deutscher Muttersprache.

Die NMS wird nun einmal nicht von Ärztekindern mit Nannyversorgung besucht, und solange ein Zwei-Klassen-Schulsystem gefahren wird, wird sich nichts daran ändern, dass in der NMS eine Vielzahl von Zusatzaufgaben geleistet werden müssen, von der Betreuung durch Pädagoginnen bis zur basalen Wortschatzarbeit. Ein Kind, das ich neulich, der Schulregel entsprechend, um seinen Energy Drink erleichterte, bedachte mich empört mit den Worten "Leck mich, Oida". Ich war nicht einmal besonders erschüttert, weil ich dahinter das große Unvermögen sah, sich einer anderen Sprachebene zu bedienen.

Natürlich wird diskutiert - stundenlang. Der Einstieg in das Kapitel "Dienstleistungssektor" in Geographie und Wirtschaftskunde besteht dann eben aus mehreren Stunden Diskussion über Basiskonzepte der Höflichkeit - in einem Umfeld, in dem sehr wenige Kinder in der Lage sind, gedeihlich miteinander zu arbeiten. Diese Arbeit an der Vorbereitung der Kinder auf ein Leben in einer Gemeinschaft nimmt mittlerweile einen ausgesprochen großen Raum ein. Täglich. Daneben auch noch Fachwissen zu vermitteln, wird schwieriger, wenn in den NMS wie geplant die Teamstunden gekürzt werden - genauso wie die gezielte Förderung von über- wie unterdurchschnittlich begabten Kindern, weil Kleingruppenarbeit massiv erschwert wird (und nein, ein AHS-Gewerkschafter kann sich das wahrscheinlich nicht vorstellen).

Qualitätsmanagement

Dazu kommt pikanterweise, dass unter dem Kürzel SQA (Schulqualität Allgemeinbildung) eine Initiative für Qualitätsmanagement an Österreichs Schulen läuft. Dabei erarbeiten LehrerInnen, manchmal als gesamtes Kollegium, Entwicklungspläne für ihre Schulen - als "Planungsinstrument und Beleg für Qualitätsentwicklung", inklusive Zielbeschreibung, Maßnahmenkatalog, Indikatoren, Evaluierung. Bei gleichzeitiger Kürzung des Schulbudgets um die geplante Summe nehmen all diese Pläne den Geschmack des Absurden an: welche Qualität sollen wir denn,  bitteschön, unter solchen Vorzeichen entwickeln?

Weil ich seit 2007 außerdem als freie Lehrbeauftragte an der Universität Wien tätig bin, weiß ich aus eigener Anschauung, was das kollektive Bildungsversagen in der Weiterführung bedeutet. Vor knapp zwei Jahren erzählte mir eine Kollegin aus den Sprachkursen, dass einige ihrer StudentInnen in ihrer gesamten Oberstufenzeit kein einziges Buch gelesen haben - weil an manchen Schulen anscheinend ausschließlich mit Zusammenfassungen gearbeitet wird. Es gibt kaum mehr wissenschaftliche Arbeiten von StudienanfängerInnen, in denen keine Rechtschreib-, Grammatik-, Ausdrucksfehler vorkommen - trotz wiederholter Hinweise, die Arbeiten vor Abgabe lektorieren zu lassen. Dabei geht es ja gar nicht um die Erbsenzählerei rund um Beistriche und stumme hs, sondern um den Zusammenhang zwischen dem Ausdrucksvermögen und der Inhaltlichkeit. Ohne Sprache kein Inhalt, keine Innovation, keine Kreativität. Ohne Bildung keine Sprache.

Unlängst schenkte mir eine Kollegin einen Anstecker, auf dem "Kleine lesende Minderheit" stand. Ein Schüler, der den Anstecker bemerkte - auch er mit deutscher Muttersprache -, runzelte die Brauen, las die Phrase laut vor und fragte dann: Frau Tiwald, was heißt das?

Man sollte sich nicht irreführen lassen von einer Konsumkultur, in der die Werbeindustrie das Sprachspiel der Literatur aufgesogen hat - wir steuern auf eine Gesellschaft zu, in der es ohnehin nur mehr um Oberfläche geht, ums Kaufen, um den unmittelbaren Gefühlsausdruck. Offensichtlich ist das die Welt, die gewollt wird. Hauptsache, es wird konsumiert. Hauptsache, die Bankenschulden sind abgetragen. (Leserkommentar, Katharina Tiwald, derStandard.at, 14.4.2014)

Katharina Tiwald, geb. 1979 in Wr. Neustadt, studierte Linguistik und Russisch in Wien und St. Petersburg. Sie ist Hauptschullehrerin und arbeitet als freie Schriftstellerin in Wien. Sie schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke.

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