Von Anarchie bis Agitprop, aus aktuellem Anlass

14. April 2014, 17:22
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Binnen fünf Wochen gelang es, eine Ausstellung mit der künstlerischen Produktion rund um die Maidan-Proteste in Kiew zu füllen

Wien - "Ich wurde verrückt", sagt Konstantin Akinsha. "Ich sah alles und konnte nichts tun." In der Ferne wurde der ukrainische, in Italien lebende Kunsthistoriker und Kurator von der Revolution in seiner Heimat überrascht.

Doch bald konnte er etwas tun. Mit Alisa Lozhkina, Chefredakteurin des in Kiew erscheinenden Magazins Art Ukraine in Kiew, suchte er nach Möglichkeiten, die künstlerische Produktion im Umfeld der Maidan-Proteste auszustellen. Das Wiener Künstlerhaus bot ihnen Platz, und innerhalb von fünf Wochen gelang es, aus den Beständen des Kiewer Kunstmuseums Mystetskyi Arsenal, von Galerien und Privatpersonen eine Schau zusammenzustellen.

I Am a Drop in the Ocean - Art of the Ukrainian Revolution im Künstlerhaus Wien versammelt zahlreiche Arbeiten vor den dramatischen Geschehnissen rund um den Hauptplatz der ukrainischen Hauptstadt, vor allem aber während dieser. Sie zeigen, dass die Kunstproduzenten einen wichtigen, Identität stiftenden Beitrag zum Selbstverständnis der Proteste geleisteten haben und wohl noch immer leisten - in unterschiedlichsten Nuancen. Sie reichen von kreativen Plakaten der Facebook-Gruppe "Strike-Poster" (eines von ihnen gab der Ausstellung den Titel) bis zu wuchtigen Installationen.

Großformatige Gemälde karikieren Handgreiflichkeiten im Parlament; gegenüber dokumentieren Videos Polizeieinsätze und Zeugenaussagen. Spiegel an der Wand verdoppeln die Idee der Protestierenden, den Polizisten ebenfalls große Spiegel mit der Aufschrift "Gott, bin ich das?" entgegenzuhalten. Die von der Gruppe "Ziviler Sektor von Maidan" organisierte Aktion wird hier mittels Fotografien dokumentiert.

Bitterer Witz

Manche Arbeiten greifen auf religiöse und folkloristische Motive zurück und verfremden sie ironisch als "Mama Anarchia" und als "Jüdische Hundertschaft" der Selbstverteidigung. Im Falle eines funktionierenden Katapults wird auf atavistische Methoden des Widerstands zurückgegriffen. Andere Werke muten wie Seismografen und Vorahnungen der Ereignisse an, darunter etwa eine Installation qualmender Autoreifentürme: Myroslav Vayda hatte sie in dem Jahr installiert, bevor in Kiew tatsächlich Berge aus Reifen brannten. Oder auch das Foto einer friedlichen Piano-Performance von Markiyan Matsekh: Sie erinnert eher an situationistische Aktionen als an die Brutalität, die danach in der Stadt vorherrschte. Werkzeuge und Relikte der Kämpfe ergänzen die Kunstproduktion um eine düster reale Dimension.

"Wir wollten nicht Kunst zeigen, die die Ereignisse aus der Entfernung kommentiert wie eine modische Geste", sagt Lozhkina, "sondern solche, die dort entstand und ein gewisses Maß an Autonomie behielt." Das ist zwar nicht immer gelungen. Manches erinnert an Agitprop, was aber immerhin verständlich ist. Das Meiste jedoch zeichnet sich durch formalen Anspruch und mehr oder weniger bitteren Witz aus.

"Wir kontaktierten auch keine Oligarchen wie Pinchuk oder Poroshenko, obwohl dieser sogar mit der Bewegung sympathisierte", sagt Akinsha. "Schließlich war die Revolution gegen die oligarchische Struktur des Landes gerichtet." Unterstützung gab es dafür durch offizielle österreichische Stellen und durch Firmen; bei der Eröffnung am vergangenen Donnerstag auch durch Außenminister Sebastian Kurz, der Idee und prompte Durchführung lobte.

Die Kuratoren hoffen auf weitere Ausstellungsorte, sie sprechen mit Interessenten in Schweden, Deutschland und Polen. Die Zeit drängt. Wenn keine Folgeschau zustande kommt, müssen alle Objekte binnen einer bestimmten Frist zurückgebracht werden. Da sind die ukrainischen Behörden unerbittlich. (Michael Freund, DER STANDARD, 15.4.2014)

Bis 23. 5.

  • Chopin gegen Polizei: eine Performance des Pianisten Markiyan Matsekh im Dezember 2013, zu Beginn der Proteste, vor dem Gebäude der öffentlichen Verwaltung in Kiew.
    foto: markiyan matsekh/künstlerhaus

    Chopin gegen Polizei: eine Performance des Pianisten Markiyan Matsekh im Dezember 2013, zu Beginn der Proteste, vor dem Gebäude der öffentlichen Verwaltung in Kiew.

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