Es ist die Leidenschaft, die Leiden schafft

15. April 2014, 05:30
13 Postings

Am zwischenmenschlichen Schlachtfeld liegen blutrot seine Geschichten. Greg Dulli hat seine Band The Afghan Whigs reformiert und ein neues Album aufgenommen: "Do To The Beast". Es ist das beste seiner Karriere

Wien - Greg Dulli gelingt ein Kunststück. Er kehrt wieder, obwohl er gar nie weg war. Zwar ist es 16 Jahre her, dass er mit seiner Band The Afghan Whigs ein Album veröffentlicht hat, in dieser Zeit war er jedoch alles andere als untätig, veröffentlichte Arbeiten mit den Twilight Singers oder den Gutter Twins.

Dennoch gibt es nun ein Comebackalbum zu vermelden, den ersten Longplayer der reformierten Afghan Whigs. Es ist ihr achtes Album, und bei Gott, es ist ihr bestes und heißt Do To The Beast. Wie es sich nach langen Jahren gehört und dem Wesen Greg Dullis entspricht, schleicht er nicht zur Hintertür herein. Der 48-Jährige tritt die Tür aus den Angeln. Der Opener Parked Outside ist ein harter Rocker, der die Band mit dickem Hals in Angriffslaune zeigt: Ein derber Beat, harte Riffs, und Dulli brüllt: "If they have seen it all / show them something new." Gesagt, getan.

Dabei ist das nur eine Seite der 1986 in Ohio gegründeten Band. Das eigentliche Markenzeichen dieser immer nur halbrichtig als Grunge-Band rezipierten Formation war und ist die Eingemeindung von Soul Music. Zwar waren die Afghan Whigs die erste Band bei Sub Pop, die nicht aus dem Umland von Seattle stammte und also Labelkollegen von Nirvana, Mudhoney, Tad und dem Rest. Natürlich waren ihre Jeans damals vorschriftsmäßig verschlissen und die Haare unrepublikanisch lang. Doch je länger die Karriere der Afghan Whigs anhielt, desto deutlicher offenbarte sich die musikalische Prägung ihres Masterminds.

Dullis Mutter liebte Soul Music, und er wuchs zum Sound der Labels Motown, Back Beat und Stax auf, bevor er dem Ruf des Zaunpfahls folgte und eine Punkrockband gründete.

Die ursprünglich als Quartett gebildeten Afghan Whigs galten später als eine jener Ausnahmen, die nach der Nirvana-Welteroberung bei einem Major-Label landeten und dort besser und besser wurden. Das war klar dem stärker werdenden Einfluss der Soul Music geschuldet. Der gab sich im obsessiven Gesangstil Dullis zu erkennen. Er offenbarte sich in einer zunehmenden Eleganz, die dem harten Rock der Band gleichwertig entgegenhielt. Und er zeigte sich in Coverversionen.

Immergrüne Qualen

The Afghan Whigs interpretierten Soulklassiker wie Dan Penns Dark End of the Street, My World Is Empty Without You von den Supremes, Percy Sledges True Love Travels On A Gravel Road und andere mehr. Noch im Vorfeld des neuen Albums tauchte eine Interpretation von See and Don't See der unglaublichen Souleintagsfliege Marie "Queenie" Lyons auf. So viel zur Wurzelkunde.

Doch Do To The Beast braucht den Blick zurück nur der Vollständigkeit halber. Es ist kein Werk, das bei einem nostalgischen Veteranentreffen entstanden ist. Es klingt auch ohne Vorgeschichte so zwingend wie modern. Schließlich haben die Kernthemen Dullis, Lust, Verlangen sowie die dazugehörende Seelenqual, nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. "It kills to watch you love another man", singt er in It Kills. Und man glaubt ihm. Immerhin kann er das heute selber singen. Auf dem als frühes Meisterwerk geltenden Album Gentlemen musste er den Gesangspart für den Trennungssong My Curse noch auslagern, weil ihn der Song zu sehr mitnahm.

Mit der Erfahrung, dass man ein gebrochenes Herz ebenso überleben kann wie einen gebrochenen Schädel - Ende der 1990er verlor Dulli einen Raufhandel mit einem Türsteher -, ist das heute nicht mehr notwendig. Im schwarzen Tuch stilsicherer Rocker zitiert er im phänomenalen Algiers Phil Spector. Stellenweise betupfen Streicher die Songs, am Ende von Can Rova tauchen House-Rhythmen auf. Geht sich alles aus.

Dullis manische Texte brauchen derlei Behübschung und Ornamentierung, sonst würde ihm nicht ein Musikverlag, sondern eine Anstalt die Tür öffnen. Er ist ein Rumpelstilzchen mit voller Hose und vollem Herzen. Für den kleinen Tod würde er jederzeit den großen riskieren.

Das entfacht auf Do To The Beast erst einen Sog, dann einen Sturm. Zum Schluss errichtet er mit These Sticks einen Turm von einem Lied. Ganz oben die Fanfaren, unten Dulli, der auf das zwischenmenschliche Schlachtfeld zurückblickt. Noch einmal hat er Schaum vorm Mund, dann ist es vorbei. Es ist die Leidenschaft, die Leiden schafft. Dulli kann nicht anders, aber er kann es gut. (Karl Fluch, DER STANDARD, 15.4.2014)

  • Greg Dulli (2. v. re.) hat mit den Afghan Whigs das großartige Album "Do To The Beast" aufgenommen.
    foto: sub pop

    Greg Dulli (2. v. re.) hat mit den Afghan Whigs das großartige Album "Do To The Beast" aufgenommen.

Share if you care.