Mobile Aristokraten: Vom Ritter zum Rennfahrer

14. April 2014, 18:24
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Im Mittelalter zogen sie hoch zu Ross gegen den Feind. Später entdeckten sie das PS-starke Auto und maßen sich auf der Rennbahn. So wurden Aristokraten zu Pionieren des Automobilsports

Anno 1892 kaufte Graf Siegfried Wimpffen einen französischen Serpollet-Dampfwagen, den er sich von Léon Serpollet persönlich nach Wien zustellen ließ. Er war damit der erste österreichische Automobilist. Damit sicherte er sich frühzeitig einen Platz in der Automobilgeschichte, genau wie ein bis zwei Jahrzehnte später der Dragoner-Leutnant Graf Heinrich Schönfeldt als Panzerwagen-Fahrer, Graf Sascha Kolowrat als Alpenfahrer und Graf Franz Harrach als Mitglied des k. k. Freiwilligen Automobil-Korps in Sarajevo.

Woher aber kam diese Affinität des Hochadels zum Automobil der Pionierzeit? Natürlich, er konnte sich teure Autos leisten, doch daneben gibt es noch eine zweite, vielleicht wichtigere Erklärung. Der Waffen tragende Adel hatte seit fernen Rittertagen ein besonderes Nahverhältnis zum Pferd. Es war im Kampfe ebenso unersetzlich wie in seiner Rolle als Verkehrsmittel.

Mit Vorliebe beschäftigten sich die Feudalen mit Pferdezucht und Dressur, bald aber auch mit den im 19. Jahrhundert aufkommenden Pferderennen. All dies pflegte man in den elitären Jockey-Clubs der Metropolen wie London, Paris und Wien. Als dann aber das Automobil zur Welt kam, stieß dies bei der jungen Generation auf großes Interesse.

Intensive Werbung

Blenden wir zurück in die Geburtsstunde des Motorsports. Im "Wettbewerb für pferdelose Kutschen" von Paris nach Rouen am 22. Juli 1894 erreichte Graf Albert de Dion mit seinem De-Dion-Bouton-Dampfwagen das Ziel als Schnellster. Vom Auto-Bazillus befallen, hatte sich der junge Graf mit dem Techniker Georges Bouton zusammengetan. Sein Weitblick ließ ihn das Potenzial des neuen Verkehrsmittels erkennen, doch dazu brauchte es intensive Werbung.

Wie viele seiner Standesgenossen war er Mitglied des Jockey-Clubs. Nach diesem Muster schwebte ihm ein Club zwecks "Aufzucht" des jungen Automobils vor. Dieses musste bei Rennen getestet werden, wobei das Spektakel auch noch die Öffentlichkeit faszinieren sollte. Auf diese Weise wollte de Dion einen zahlungskräftigen Kundenkreis für das Auto schaffen. So tat er sich mit Baron Etienne de Zuylen de Nyefelt, der nützlicherweise mit Hélène de Rothschild verheiratet war, zusammen. 

Ein exklusiver Cercle

Dritter im Bunde war der Journalist Meyan, ein Meister der PR-Kunst. Im November 1895 wurde der Automobile Club de France gegründet, ein kleiner, exklusiver Cercle von und für gewichtige Persönlichkeiten. Der veranstaltete große Rennen von Stadt zu Stadt, stets mit Paris als Startort. 1898 schuf er in Paris auch die erste Automobil-Ausstellung der Welt. Der A.C.F. wurde in Windeseile zum Powerhouse der Automobilpropaganda.

Nun war Frankreich damals das große Vorbild für Europa und die ganze Welt. So wurde schon im Februar 1898 in Wien der Österreichische Automobil Club gegründet, mit Graf Gustav Pötting und Persing als Präsident. Bald gab es in Europa ein rundes Dutzend nationaler Clubs. Diese gründeten 1904 die Alliance Internationale des Automobile Clubs Reconnus (heute Fédération Internationale de l'Automobile) als Dachorganisation, mit dem Ö.A.C. als Gründungsmitglied. 

Spielplatz der Feudalen

Man fand im Pariser Stadtpalais des A.C.F. an der Place de la Concorde gleichsam als Untermieter eine noble Bleibe. So groß war das Prestige der Franzosen, dass selbstverständlich der A.C.F.-Präsident, Baron Etienne de Zuylen de Nyefelt, zum Präsidenten gewählt wurde. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang wurde diese Personalunion auch weiterhin gepflegt.

Auch in Wien, im Ö.A.C., spielten die Feudalen die erste Geige, aber sie waren aufgeschlossen für Automobilisten aus der "zweiten Wiener Gesellschaft", also dem im 19. Jahrhundert nobilitierten Kleinadel. Als bedeutender Automobilpionier war auch der Großbürger Jacob Lohner willkommen. Und auch einem genialen Konstrukteur wie Ferdinand Porsche, der damals erst die unteren Stufen seines späteren steilen Aufstiegs erklommen hatte, stand das Tor weit offen. 

So war der Automobil-Club einer der damals so seltenen Orte der Begegnung verschiedener sozialer Schichten, die vor dem Ersten Weltkrieg sonst noch immer durch hohe Barrieren voneinander getrennt waren. Nur bei "den Kommerzialräten" gab man sich zugeknöpft, die sollten sich lieber im Touring-Club bei "den Radlfahrern" ihren Platz suchen ... (Martin Pfundner, DER STANDARD Rondomobil, 12./13.4.2014)

  • Das Rennen Paris-Rouen 1894 gilt als erster Automobilwettkampf der Geschichte.
    foto: archiv martin pfundner

    Das Rennen Paris-Rouen 1894 gilt als erster Automobilwettkampf der Geschichte.

  •  1895 wurde der Automobile Club de France (A.C.F.) gegründet, erster seiner Art, mit Sitz an der Place de la Concorde in Paris - wo heute noch der Dachverband sämtlicher Automobilclubs der Welt residiert.
    foto: archiv martin pfundner

     1895 wurde der Automobile Club de France (A.C.F.) gegründet, erster seiner Art, mit Sitz an der Place de la Concorde in Paris - wo heute noch der Dachverband sämtlicher Automobilclubs der Welt residiert.

  • Erster Automobilist Österreichs mit "Führerschein" war Graf Siegfried Wimpffen, hier 1892 an der Lenkstange seines Serpollet-Dampfwagens.
    foto: archiv martin pfundner

    Erster Automobilist Österreichs mit "Führerschein" war Graf Siegfried Wimpffen, hier 1892 an der Lenkstange seines Serpollet-Dampfwagens.

  • Mit der Exposition Internationale de l'Automobile 1898 in Paris begann die Karriere der Autosalons.
    foto: archiv martin pfundner

    Mit der Exposition Internationale de l'Automobile 1898 in Paris begann die Karriere der Autosalons.

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