Die Wäsche in der Nase, das Weltgericht vor Augen

14. April 2014, 12:15
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Franz Kafkas "Der Process"

"Jemand musste K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Man hat es sich angewöhnt, die Verstrickung Josef K.s in die Machinationen einer letztlich undurchschaubar bleibenden Instanz als Unglück zu erleben. Der Fragment gebliebene Roman Der Process bildet Kafkas Lebenssituation in den Jahren um 1914 ab. Im Sommer des nämlichen Jahres - dunkle Wolken verhießen die drohende Kriegsgefahr - löste der ewige Junggeselle die Verlobung mit Felice Bauer. Die Prozedur, durch das Beisein von gemeinsamen Bekannten in ihrer Peinsamkeit noch verschärft, empfand Kafka als "Gerichtshof".

Das nachhaltigste Unglück des Processes besteht nicht so sehr in der Anklage, deren Wortlaut K. nicht erfährt. Gewiss, da ist ein Verfahren, "in welchem der Mensch zugleich als Sachwalter der stummen Natur Klage führt über die Schöpfung und das Ausbleiben des verheißnen (sic!) Messias".

Dieser kluge Satz aus der Feder des marxistischen Philosophen Walter Benjamin ist so treffend wie allgemein. Kafkas Text steckt voller Bezugnahmen auf jüdische Theologie. Die Kategorie des Wartens enthüllt die Abhängigkeit vom Erlösungsgeschehen.

Josef K. wäre demgemäß ein Gottvergessener, dem durch die Anwendung moderner Zwangsmittel, durch Bürokratie et cetera zur Einsicht in seine grundsätzliche Erlösungsbedürftigkeit verholfen wird. Irgendwann im (holprigen) Verlauf des Romans begreift Josef K., "dass alles, was geschieht, seinem Ich entspringt".

Seine Verstrickung wäre somit vollkommen. Nichts und niemand wäre imstande, ihn aus seiner Verstocktheit zu befreien. Nur so lässt sich die Scham begreifen, mit der er die Vollstreckung des Urteils über sich ergehen lässt: "Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt die Entscheidung beobachteten, 'wie ein Hund' sagte er, es war als solle die Scham ihn überleben."

Das Schicksal des Prokuristen Josef K. ist aber auch kein Grund zum Trübsalblasen. Franz Kafka (1883-1924), der nachmals eifrige Konsument der Prager Lichtspieltheater, besitzt einen eminenten Sinn für die Hochkomik der modernen Massengesellschaft. Bei ihm tagen Gerichtshöfe auf Dachböden. Man hat den Geruch trocknender Wäsche in der Nase, wenn man vor die Schranken des Gerichts gelangen will.

"Denn furchtbar ist das Ganze, aber komisch sind die Details", nannte Reiner Stach dieses Phänomen. Der Slapstick in Der Process trägt cineastische Züge. Beamte drängen sich vor den Schlafstätten der kleinen Angestellten. Es riecht streng. Die erotischen Anwandlungen des Herrn Prokuristen sind zum Lachen. Kafkas schmucklose Sprache bezeugt das. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 11.4.2014)

Premiere "Der Prozess" bei den Festspielen Reichenau am 12. Juli mit Joseph Lorenz

Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt.

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