Zwischen zwei Welten - Limerika

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  • Das Bild zeigte eine Frau, die mit wehendem Haar in einer Wiese stand und einen Hut und ein Büschel Gräser in der Hand hielt. Ihre Bluse war ihr leicht von der linken Schulter gerutscht. Es war eine weiße Frau, und der düstere Himmel suggerierte, dass es hier Jahreszeiten gab. Klar definierte Jahreszeiten.
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    foto: michael glawogger

    Das Bild zeigte eine Frau, die mit wehendem Haar in einer Wiese stand und einen Hut und ein Büschel Gräser in der Hand hielt. Ihre Bluse war ihr leicht von der linken Schulter gerutscht. Es war eine weiße Frau, und der düstere Himmel suggerierte, dass es hier Jahreszeiten gab. Klar definierte Jahreszeiten.

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt alternierend mit Süddeutsche.de Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt alternierend mit Süddeutsche.de Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

Der österreichische Filmemacher Michael Glawogger ist auf seiner Reise für den "Film ohne Namen" in Monrovia, Liberia, angekommen

Er erwachte in seinem Hotelzimmer zu einem gleichmäßigen Rauschen. Im Halbschlaf konnte er nicht ausmachen, ob es die Klimaanlage war oder der Regen draußen. Die entfernten Polizeisirenen ließen ihn einen Moment lang denken, er sei in New York oder Detroit, wo man allerdings um diese Zeit keine Klimaanlage braucht. Also war es doch Regen? In Detroit regnet es im April, da war er sich sicher. Bei ihm zu Hause hatte es auch immer geregnet im April, manchmal sogar geschneit. Der April war der Monat des Umbruchs gewesen, des Wartens auf den Frühling. Aber das war zu Zeiten, als es noch Jahreszeiten gegeben hatte.

Er schlug die Augen auf und stellte fest: es war beides, der Regen und die Klimaanlage. Und die war zu kalt eingestellt. Er lag zitternd unter seinem Leintuch und schaute in das Halbdunkel des Zimmers. An der Einrichtung war auch nicht auszumachen, wo er war. Die Türen und die Decke waren aus Holz, die Wände waren eierschalenfarben gestrichen und darunter grob verspachtelt. Über dem Schreibtisch hing ein großer Spiegel, es gab einen Kühlschrank, einen Samsung-Fernseher und ein Gemälde an der Wand. Es zeigte eine Frau, die mit wehendem Haar in einer Wiese stand und einen Hut und ein Büschel Gräser in der Hand hielt. Ihre Bluse war ihr leicht von der linken Schulter gerutscht. Es war eine weiße Frau, und der düstere Himmel suggerierte, dass es hier Jahreszeiten gab. Klar definierte Jahreszeiten.

Blitze über Monrovia

Er musste tief geschlafen haben, da er länger als sonst brauchte, um sich zu orientieren. Er konnte sich an keinen Traum erinnern, hatte nur einen seltsamen Geschmack im Mund und bemerkte den Wasserkocher, der auf dem Kühlschrank stand. Wasserkocher sind ein gutes Indiz. Es gibt sie in Ländern, in denen viel Tee oder Löskaffee getrunken wird – also z.B. in Russland und den USA und manchmal auch in China, aber dort eher auf dem Land. Die Geräusche, die von draußen zu ihm drangen, ließen aber eine Großstadt vermuten. Und als die Polizeisirenen lauter wurden und ihr Lied von den Cops der Vereinigten Staaten zu singen schienen, stand er mit einer heftigen Bewegung auf, zog die Vorhänge zur Seite und schaute aus dem Fenster. Die Blitze zuckten über den verrosteten Wellblechdächern von Monrovia.

Es hatte schon vor der Grenze zu Liberia begonnen. Der Lenker und sein Beifahrer (es gibt zu jedem Mietauto in Westafrika einen Assistenten des Fahrers, der die Aufgabe hat, das Fahrzeug über den Tag zu bringen, Öl und Wasser nachzufüllen und bei Bedarf einen Reifen zu wechseln) hatten lachend und auf Creo erzählt, dass alle in Liberia sich wie Amerikaner benähmen. Sie sprächen wie die Menschen aus den Südstaaten der USA, hätten eine Fahne, die aussähe wie das Sternenbanner, und ihr Geld sei eine Art Spielzeugvariante des Dollars. Sie tränken Bier aus riesigen Flaschen, und im Großen und Ganzen hätten die Frauen das Sagen. Sie würden ihre Liebhaber als "Baby Pa" vorstellen, um gleich von vorneherein klar zu machen, dass sie grundsätzlich noch zu haben wären, und die momentanen Begleiter gerade einmal dazu getaugt hätten, ihnen ein Kind zu machen. Das letzte Detail war ihm zwischen Boston und Phoenix nicht gerade häufig untergekommen, und wurde er umso gespannter auf dieses Amerika außerhalb Amerikas.

Am Grenzübergang wurde klar, dass die Erzählungen zumindest nicht falsch waren. Die Grenzbeamten waren gekleidet wie Rangers, mit militärischen Tarnhosen und weichen Hüten, die an einer Schnur um ihren Hals hingen. Sie bellten einander Befehle zu und führten sie mit einer Freude aus, die an einen Hollywood-Kriegsfilm erinnerte. Sie verbreiteten eine Aura von massiver Freundlichkeit, die nur schwer einzuordnen war, hatten ordentlich beschriftete Schalter am Grenzposten, an denen man sich anstellen musste, und saubere Gefängniszellen mit frischgestrichenen Gitterstäben, um unliebsame illegale Immigranten sofort einsperren zu können. Nur sprachen sie eine Sprache, die zwar wie Englisch klang, aber kein Englisch war. Wenn sie dann Englisch sprachen, klang es zwar viel weniger wie Englisch, war aber um eine Nuance leichter verständlich. Als er sich eine Zigarette anzündete und sofort eindringlich aufgefordert wurde, sie auszumachen, weil er gerade das Gesetz bräche und eine Strafe von 1000 Dollar (US Dollars wohlgemerkt, nicht Liberia-Dollars) zu erwarten habe, wähnte er sich schon sehr nahe an "God’s own country".

Er war es nach der Reise durch Westafrika nicht mehr wirklich gewohnt, dass man irgendwo nicht rauchen durfte. Er schwelgte geradezu in all den Dingen, die die Erste Welt sich selbst und damit auch ihm verboten hatten – Motorradfahren ohne Helm, das Öffnen von Bus- und Hotelzimmerfenstern und eben das Rauchen, wo immer man wollte. Vielleicht gab es da und dort sogar Gesetze in Richtung dieser Verhaltensmuster, aber die wurden weder befolgt, noch wurden Verstöße ernsthaft geahndet. Stattdessen versuchten die Polizisten, von allen irgendwie Geld zu bekommen, und entwickelten dabei ausreichend eigene Kreativität. Dass man in Liberia im Freien tatsächlich nicht rauchen darf, war unter diesen Umständen kaum zu glauben.

Rauchen verboten

Aber es war so. Als er abends durch die Straßen von Monrovia spazierte, riefen ihm sogar die Bettler empört zu, er solle nicht die Umwelt verpesten und sich von seiner Zigarette trennen. Er war sicher, er wäre angezeigt worden, hätte er auch nur eine fertig geraucht. Das war ja drastischer als in den USA selbst. Soviel er sich erinnern konnte, musste man dort einen gewissen Abstand zu öffentlichen Gebäuden halten, und auch in ausgesuchten Parks gab es ein Rauchverbot. Aber sonst war es unter freiem Himmel noch erlaubt. Hier war es umgekehrt, man durfte im Auto, in den eigenen vier Wänden und in den meisten Innenräumen und Lokalen rauchen. Amerika wehte also in einer sehr eigenen Interpretation nach Liberia.

Als er aus seinem Hotelzimmerfenster nach draußen schaute, wo das Gewitter immer heftiger wurde, schien ihm das jedenfalls plausibel. Die Nacht, die gerade hereinbrach, war durchaus afrikanisch: das Licht ging erst gar nicht an, um nicht wieder ausfallen zu müssen, und die Menschen am Straßenrand warfen lange Schatten im Scheinwerferlicht der langsam vorbeifahrenden Autos. Wie plumpe, weiße Insekten überragten die Landcruiser der UN-Organisationen die Masse der überfüllten Taxis und Kleinbusse, auf denen handgemalte Schriften Gott priesen, und der Verkehr hupte in geduldiger Ungeduld vor sich hin.

Es war ‘mal ein Schatten aus Liberia; Auf seinem dornigen Weg nach Amerika; Er sah sich selbst nicht mehr; In dem schwarzen Meer; Eines Nacht für Nacht dunklen Monrovia.

Wahrscheinlich war er gar nicht in einem eigentlichen Land gelandet. Vielleicht war dies Limerika oder Amberia. (Michael Glawogger, derStandard.at, 14.4.2014)

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3 Postings
Er war einer der ganz grossen Aushängeschilder

nicht nur des österreichischen Films, vielmehr Wegbereiter und Visionär einer neuen Filmkultur und Cineszene. Ein Feuerwerker der Ideen und Umsetzer der wahren Abenteuer, die nun in den Köpfen der Nachwelt weitere Kapitel voll Spannung und höchster intelektueller Präzision Fortsetzung finden. Was noch bleibt ist die Trauer, über einen Unersetzlichen und seine Genialität. Möge er in Frieden ruhen.

Für mich bisher fraglos besser als Filmemacher denn als Autor, der Herr Glawogger. Doch warum sollten bemerkenswerte Autorendokumentarfilmer_innen auch zwingend fesselnd schreiben können (müssen)?! Drum. Hier erwarte ich mir nur, dass das Geschriebene auf den nachfolgenden Dokumentarfilm in bester Art und Weise neugierig macht; eigentlich machbar bei den Podien, der Anzahl an Ausschnitten und der Dauer der "Vorberichterstattung". Des symptomatisch schwächelnden Dokumentarfilmgenres zuliebe. Danke im Voraus, Herr Glawogger.

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