Das Gedächtnis als Gerüchteküche

14. April 2014, 07:09
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Eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Oder trennt. Phil Hayes, Maria Jerez und Thomas Kasebacher zeigen "Legends & Rumours" im Brut-Theater

Wien - Zwei Männer und eine Frau rekonstruieren ein dramatisches gemeinsam erlebtes Ereignis. Ein billig möbliertes Zimmer wird zum Schauplatz einer Erinnerungsarbeit, die zeigt, wie sehr das Gedächtnis durch den Willen zum Außergewöhnlichen beeinflusst wird. Am Wochenende haben die Performer Phil Hayes, Maria Jerez und Thomas Kasebacher ihr Stück Legends & Rumours in Wien präsentiert, als Gastspiel im Brut-Theater Künstlerhaus.

Darin wird eine allgemein verbreitete Situation auf die Bühne transferiert: der Drang zur Legendenbildung, wenn sich Menschen mit gemeinsamer Vergangenheit wiedertreffen. Es beginnt üblicherweise so: "Könnt ihr euch noch erinnern, als wir ..."

Was dann folgt, dient selten der Wahrheitsfindung, sondern dem Vergolden der Erinnerungen. Dann wird das Wiedereintauchen ins Gewesene zu einem sozialen Akt, dazu dient, die eigene Rolle im Geschehen von damals aufzupeppen und der Gruppe, dem Erlebten eine erhebende Einzigartigkeit zu verleihen.

Hayes, Jerez und Kasebacher ziehen ihre Legendenbildung wie eine Tatortanalyse auf. Die Zimmerkulisse, in der sie nachstellen, woran sie sich erinnern, besteht aus sechs Wandteilen. Die Abstände dazwischen symbolisieren die Spielräume in Gedächtnissen, die bereit sind, sich elastisch den Erfordernissen der jeweiligen Erzählsituation anzupassen.

Schritt für Schritt reihen die Performer in beständiger Wiederholung und Erweiterung immer mehr Details und Momente aneinander - allerdings ohne sie zu interpretieren. Stattdessen wird jeder von der Anspannung eines bestimmten Augenblicks mitgerissen. Da erzählt einer eine Geschichte oder wird philosophisch oder schmalzt ein Lied.

Werden die Wandteile zusammengerückt, schrumpft der Ort des Geschehens auf eine klaustrophobische Größe. Es geht ans Eingemachte. Die Details verbinden sich zu Abläufen, deren Mischung aus aufgebauschter Action und absurden Banalitäten immer wieder hinreißend komisch wirkt.

Die Figuren sind im Fegefeuer der Inszenierung ihrer Erinnerungen eingesperrt. Erstaunlicherweise ohne je darüber in Streit zu geraten, ob das jeweils Dargestellte nun tatsächlich so stattgefunden hat oder nicht. Das überrascht, weil sich herausstellt, dass das Trio kein Sympathieverhältnis zueinander pflegt. Was die drei ursprünglich zusammengeführt hat, bleibt bis zum Ende unklar. Ebenso bleibt verborgen, was sie dazu treibt, ihre strapaziöse Rekonstruktion durchzuführen.

Die alte Bourgeoisie

Das Publikum von Legends & Rumours wird so davon abgehalten, sich auf eine literarisch stimmige Erzählung einzulassen. Stattdessen kann es einem Wuchern des offenkundig Nichtigen folgen, das gleichermaßen an Jean-Paul Sartre, Luis Buñuel und Samuel Beckett erinnert. Und damit indirekt daran, wie sehr die alte Bourgeoisie und die neue Bürgerlichkeit einander ähneln. Da und dort heiligt der Aufbau und Erhalt eines schönen oder beeindruckenden Scheins die Mittel.

Tatsächlich beeindruckend ist die darstellerische Leistung von Phil Hayes, Maria Jerez und Thomas Kasebacher, die den Ablauf ihres Stücks zum Teil improvisieren. Das heißt, auf bestimmte Momente im Stück spontan reagieren müssen.

Auch dafür gab es am Ende begeisterten Applaus. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 14.4.2014)

  • Erinnerungsarbeit als Trümmerfeld: "Legends & Rumours" im Brut-Theater. 
    foto: nik spoeeri

    Erinnerungsarbeit als Trümmerfeld: "Legends & Rumours" im Brut-Theater. 

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