"Was in der Ostukraine abläuft, ist Krim 2.0"

13. April 2014, 19:05
184 Postings

Bei Regierungseinsätzen gegen prorussische Gebäudebesetzer kamen am Sonntag in der Ostukraine mehrere Menschen ums Leben. Was dort geschieht, erinnert viele an die Ereignisse vor dem Anschluss der Krim an Russland

Donezk, Sonntagnachmittag auf der Artema Straße, im Stadtzentrum von Donezk: Wo sonst für Kaugummi oder Joghurt geworben wird, prangen unzählige Werbeplakate. Auf schwarz-blau-rotem Hintergrund mit dem russischen Doppeladler steht "Republik Donezk". Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Doch nicht das nasskalte Wetter lässt die Leute zuhause bleiben. In der Ostukraine wird geschossen. Paramilitärs haben in mehreren Städten Polizeistationen und Regionalverwaltungen besetzt, seit Sonntagvormittag läuft offiziell in der Stadt Slawjansk ein Anti-Terror-Einsatz der ukrainischen Regierung. Dabei sind bis zum Nachmittag Regierungsangaben zufolge ein Geheimdienstagent und mehrere prorussische Milizionäre getötet worden, außerdem gibt es neun Verletzte.

Vor allem die Ereignisse in Slawjansk und Kramatorsk erinnern Beobachter stark an die Geschehnisse auf der Krim. Dort besetzten vor einem Monat Bewaffnete nach und nach die gesamte Halbinsel. Es waren Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, mit automatischen Waffen ausgerüstet. Das gleiche Bild bietet sich nun im Osten der Ukraine. Waren es am Samstag noch Städte im Oblast Donezk, weiteten sich die Unruhen am Sonntag auch auf die Nachbarregionen Dnipropetrowsk, Lugansk und Charkiw aus.

Mark Lewin, Fotograf des Internetportals Lewjy Bereg, berichtet, Valentin Barischnikow, ein Einwohner von Slawjansk, habe ihm erzählt, dass die bewaffneten und maskierten Männer nicht aus der Stadt stammten. "Das sind keine Leute von hier", sagte Barischnikow. Auch in Kramatorsk fiel auf, wie zielgerichtet die Soldaten vorgingen. Das Internetportal Ostrow.org schreibt: "Sie wussten genau, wo die Polizeistation liegt." Zudem zeigten Videoaufnahmen, wie die Soldaten von Sicherheitskräften in Zivil bei der Belagerung der Polizeistelle und anderer Teile der Stadt unterstützt werden.

"Was in der Ostukraine an diesem Wochenende abläuft, ist Krim 2.0", sagte Mark Raschkiewtisch, Reporter der Kyiv Post, nachdem er am Samstagabend aus Slawjansk zurück war.

50 Euro Tagessold

Offenbar arbeiten die russischen Sicherheitsbehörden mit Leuten aus der Ukraine zusammen. Im Internet wurden Namen sogenannter "Personalvermittler" veröffentlicht. So kann man etwa bei einem Walerij in Donezk anrufen, um sich von ihm rekrutieren zu lassen. Gezahlt würden rund 50 Euro pro Tag. In Jenakijewo kann man bei Sergej Skliarenko von den "Patriotischen Kräften Donbass" anheuern. In der Heimatstadt des früheren Präsidenten Wiktor Janukowitsch (85.000 Einwohner) brachten maskierte Bewaffnete am Sonntag ebenfalls das Polizeihauptquartier und die Staatsanwaltschaft unter ihre Kontrolle.

"Wir erleben hier eine russische Invasion, die ganz gezielt mit Mitteln sozialer Proteste arbeitet", schreibt das Internetportal Nowosti Donbass. Vieles solle ähnlich aussehen wie bei den Maidan-Protesten in Kiew. Doch die Mehrheit der Menschen im Osten der Ukraine lehnt Umfragen zufolge einen Anschluss an Russland ab.

In Charkiw kam es am Samstag zu einer großen Kundgebung für die Einheit des Landes, die am Sonntag fortgesetzt wurde. Am frühen Nachmittag kam es zu Übergriffen, laut Augenzeugen sollen prorussische Demonstranten die Leute von der Gegenseite geschlagen, beschimpft und bespuckt haben. Wenig später fuhren im Zentrum Busse mit maskierten Männern in Militärkleidung vor. Sie versuchten die pro-ukrainische Gruppe zu zerstreuen. Es fielen Schüsse, mehrere Menschen wurden verletzt. (Nina Jeglinski aus Donezk, DER STANDARD, 14.4.2014)

 

 

  • Ein prorussischer Bewaffneter vor der besetzten Polizeizentrale in Slawjansk. Die Art der Barrikaden solle bewusst an den Maidan in Kiew erinnern, meinen Beobachter.
    foto: reuters/gleb garanich

    Ein prorussischer Bewaffneter vor der besetzten Polizeizentrale in Slawjansk. Die Art der Barrikaden solle bewusst an den Maidan in Kiew erinnern, meinen Beobachter.

Share if you care.